Holt uns hier rauf

- Ein Laufsteg, gebaut für die Mehmets dieser Stadt. Besser gesagt: für diejenigen, die unter der Regie von Peter Kastenmüller den "Fall Mehmet" aus dem Jahr 1998 wieder aufrollen - per Improvisationen, Assoziationen, Aktionen. Man erinnert sich: 1998 wurde ein türkischer Junge mit dem Decknamen "Mehmet" in einem anfechtbaren Verfahren ausgewiesen, weil er mit seinen 14 Jahren bereits eine Unzahl von Straftaten begangen hatte. Der Junge kam aus dem Hasenbergl. So wie die zwei Sinti, drei Kosovo-Albaner, zwei Deutschen, der Türke und der Grieche, die im Rahmen von "Bunnyhill" mit ihrer sozialkritisch gefärbten Nummernrevue "Ein Junge, der nicht Mehmet heißt" im Neuen Haus der Kammerspiele Premiere hatten.

<P>Slapstickeinlagen, die direkte Ansprache des Publikums, das Singen von Volksliedern - das alles können die Jugendlichen benutzen, um Episoden aus ihrer Biografie zu erzählen. Zwischen schutthaldenartigen Zuschauertribünen hat ihnen Bühnenbildner Michael Graessner einen Steg gebaut, an dessen Ende ein Hauseingang die Hasenbergl-Bebauung zitiert. Als Mannequins der multikulturellen Gesellschaft lösen die neun Laien- und fünf Profischauspieler einander auf diesem Steg ab. Eine Modenschau der anderen Art: Träume und Traumata, Sehnsüchte und Drogenprobleme, familiäre und materielle Abhängigkeiten wurden hier zu Markte getragen.<BR><BR>Da ist zum Beispiel Alexander Adler, der den Münchnern Geografiestunde gibt ("Isar heißt auf Keltisch ,reißend") und von Sintiland träumt. Oder Arjeton Osmani, der, mit Koffern bepackt, Hiphop-Nummern auf die Bretter legt und schließlich konstatiert: "Ich brauche keine Koffer mehr, ich bin angekommen. Das ist Freiheit." Indes Ioannis Tsialas die zehn Gebote deklamiert und Linda Mittermüller erklärt, wie man sich in München ohne Geld durchschlägt. Und die Profis? Sie improvisieren. Beklemmend: Marion Breckwoldt über Balkonbepflanzungen. Bedrohlich: Stephan Zinner über die Hasenbergl-Polizeiwache. Absurd komisch: Jochen Noch als 41-jähriger Polizist, der mit einer Eisenstange zum Krüppel geschlagen wird - so geschehen in Frankreich bei der WM 1998.<BR><BR>Bei allem Respekt für Fantasie und darstellerisches Potenzial: Ein krauses Durcheinander entsteht, das vor allem Regisseur Kastenmüller und Dramaturg Björn Bicker zu verantworten haben. Ob Hasenbergler oder Innenstadt-Bewohner, die Zuschauer haben mitunter Mühe zu entschlüsseln, was ihnen hier, wenn auch durchaus mit Witz, erzählt wird. Der Versuch, der Heimatlosigkeit in modernen Metropolen ein geistiges Zuhause entgegen zu setzen, wie es Geschichten und Märchen, Theater und Literatur bieten können, wurde leider nicht unternommen.<BR><BR></P>

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