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Hommage an Gerhard Richter, Chagall und Co.: Karin Kneffel im Franz Marc Museum Kochel

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Von: Katja Kraft

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Karin Kneffels Öl auf Leinwand im Franz Marc Museum Kochel
Blick ins Museum: Genau hat Karin Kneffel einen der Ausstellungsräume in Kochel in ihrem Bild gespiegelt – inklusive des Chagall-Werks „Der heilige Droschkenkutscher“ (re.), das dort nun als Leihgabe hängt. © VG BILD-KUNST 2022

Karin Kneffel war einst Meisterschülerin von Gerhard Richter. Heute ist die Malerin selbst Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in München. Das Franz Marc Museum Kochel zeigt nun Werke von Karin Kneffel, in denen sie mit Werken der Kunstgeschichte spielt.

Ja, Karin Kneffel war in den Achtzigern Meisterschülerin bei Gerhard Richter. Und ja, der ist heute einer der bestdotierten lebenden Künstler weltweit. Das wird immer und immer wieder betont, wenn man über die Malerin liest, die seit vielen Jahren selbst als Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in München lehrt. Ganz schön mühsam, oder? „Ach, ein bisschen schräg ist es natürlich schon, dass ich auch heute noch als ,Meisterschülerin‘ bezeichnet werde“, meint die 65-Jährige gleichmütig. „Aber wissen Sie, mit Andreas Gursky habe ich mich auch einmal darüber unterhalten – der gilt noch immer als der ewige ,Becher-Schüler‘, weil er bei Bernd Becher studiert hat. Doch es gibt schlimmere Labels, finden Sie nicht?“

Franz Marc Museum Kochel zeigt Karin Kneffels Reihe „Im Bild“

Und im Grunde passt dieser ständige Verweis auf ihren Lehrer ja zu Karin Kneffel, die ihrerseits immer das Davor in der Kunstgeschichte mitdenkt. Ganz explizit tut sie das in ihrer Reihe „Im Bild“, die bis 3. Oktober 2022 im Franz Marc Museum Kochel zu sehen ist. Treffender: zu erkunden, erforschen, erspüren ist. Karin Kneffel lädt uns zum Spielen ein. Memory im Museum. In jedem Bild hat sie mindestens ein Meisterwerk von Macke, Kirchner, Kandinsky versteckt – und viele der Originale kann man ebenfalls in den Räumen finden. Ein Fest für aufmerksame Beobachter.

Chagalls „Der heilige Droschkenkutscher“ (1911)
Meisterwerke der Kunstgeschichte wie diesen Chagall nimmt Karin Kneffel in ihre Gemälde auf. © bpk/Städel Museum

Dabei hatte Kneffel selbst so ihre Zweifel, ob das Ausstellungskonzept aufgehen würde. Klar war die Idee charmant, die Gemälde, die sie in ihre Arbeiten aufnimmt, in der Schau im Original zu zeigen. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? In Kochel ist die Antwort einfach: Man hält sich an Cathrin Klingsöhr-Leroy, Chefin des dortigen Franz Marc Museums, Kunstexpertin – und begnadete Netzwerkerin. Da wird das Frankfurter Städel kontaktiert und eine Leihgabe von Chagalls „Der heilige Droschkenkutscher“ (1911) klargemacht oder vom Dresdner Albertinum Oskar Kokoschkas „Sommer“ (1922) ausgeborgt. Wie sie das wieder einmal geschafft hat? Da ist es, das typische feine Lächeln von Klingsöhr-Leroy. „Irgendwie klappt es immer.“ Und dann sind da ja noch die vielen Bilder der eigenen Sammlung, auf die sie zurückgreifen konnten.

Mies van der Rohe war Inspiration für Karin Kneffel

Ausgangspunkt von Karin Kneffels „Im Bild“-Reihe sind Schwarz-Weiß-Fotos von 1930, die Architekt Mies van der Rohe (1886-1969) in Auftrag gegeben hatte. Die Bilder zeigen den damaligen Stand der Sammlung Herrmann Lange in den Räumen der Villen Esters und Lange, die van der Rohe in den Zwanzigern gebaut hatte. Was da zu dem Zeitpunkt für Schätze an den Wänden hingen, ist auf den Fotos gar nicht mehr so leicht zu erkennen. Alles längst verblasst, manches fast komplett schwarz. Kneffel, die nach Neuem Gierige, wollte wissen, was hinter jedem schwarzen Quadrat steckte. Und legte los mit ihrer Malewitsch’en Detektivarbeit.

Die Malerin und Gerhard-Richter-Meisterschülerin Karin Kneffel
Die Malerin Karin Kneffel. © Meike Boeschemeyer

August Mackes „Große Promenade“ (1914) erkannte sie auf einem der Fotos recht schnell. Fand heraus, dass es in Kochel hängt. Fuhr hin – und stellte fest: Fotografieren verboten. „Also musste mein Mann die Aufpasserin in ein Gespräch verwickeln, damit ich heimlich meine Kamera herausholen konnte“, erzählt die gewiefte Künstlerin. Schließlich wollte sie nicht nur das Bild, sondern die ganze Szenerie, in der es heute hängt, genau in Erinnerung behalten. Um sie dann in ihren fotorealistisch anmutenden Werken in Öl auf Leinwand zu fassen. Damit jener Effekt entsteht, der fasziniert: Indem Kneffel den Museumsraum abbildet, in dem man doch gerade selbst steht, hat man das Gefühl, Beobachter und Beobachteter zugleich zu sein. Das hat was Unheimliches, auch Prickelndes, ungeheuer Lebendiges. Um dieses Gefühl noch zu verstärken, fügt Kneffel in den Bildvordergrund Wassertropfen ein. Als blickte man durch eine verregnete Fensterscheibe hinein in die Welt, deren Teil man im selben Moment ist.

Gerhard Richters „Betty“ künstlerisch weitergeführt

Manchmal spiegeln diese Tropfen selbst ein Stück Kunstgeschichte. Wenn Kneffel darin in einem Gemälde lauter umgekehrte Spitzdachhäuser funkeln lässt, ist das nicht nur ein Verweis auf die Umgebung von Haus Esters und Haus Lange; die Spitzdächer stehen für die Spießigkeit, gegen die sich van der Rohe und Bauhaus mit ihren klaren Formen richteten.

Und wie nähert sich die einstige Schülerin künstlerisch ihrem einstigen Meister? Karin Kneffels Auseinandersetzung mit Gerhard Richters weltbekannter „Betty“ (1978) ist wohl das berührendste Werk der Schau. Steht man mit Kneffel davor, wird die sonst recht abgeklärt auftretende Künstlerin fast ein bisschen emotional. Es zeigt drei ihrer eigenen Studenten, darunter Felix Rehfeld, wie sie die „Betty“ betrachten. „Ich hab die drei beobachtet, wie sie ganz genau die Maltechnik studieren“, erzählt Kneffel. „Da musste ich in mich hineinlächeln – weil ich dachte: Hier hängt das Werk meines Lehrers und davor stehen meine Studenten, die ja schon als ,die Enkel von Gerhard Richter‘ bezeichnet werden.“ Eine Blutlinie, die vor Kreativität pulsiert.

Bis 3. Oktober 2022, Di.-So. und feiertags 10-18 Uhr. Katalog: „Karin Kneffel. Im Bild“. Schirmer/Mosel, 128 S.; 39,80 Euro, im Museum: 29,80 Euro. Alle weiteren Infos gibt es hier

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