Mischung aus Grandseigneur und Vagabund: Gerd Lohmeyer in „Der Sammler der Augenblicke“ im Metropol. Foto: lobinger

Homöopathische Theaterdroge

München - Jochen Schölch inszenierte traumzart am Münchner Metropol „Der Sammler der Augenblicke“. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

Dass er ein Zauberer ist, wussten wir ja schon immer, aber jetzt entpuppt sich Jochen Schölch auch noch als waschechter Heiler: Der Intendant des Münchner Metropoltheaters verabreicht den Zuschauern diesmal das wirksamste rezeptfreie Beruhigungsmittel, das es gibt. Denn man kann sich einfach nur zurücklehnen und fallen lassen in diese wunderbare, traumzarte Multimedia-Show, die Schölch inszeniert hat. Auf einer Leinwand sieht man weiße Elefanten durchs Schneegestöber ziehen, erleuchtete Zirkuswägen über den Himmel schweben, und wie im Adventskalender gehen immer wieder Fenster auf - hinter denen neue Fenster neue Geheimnisse zeigen. „Der Sammler der Augenblicke“ heißt Quint Buchholz’ Kinder-Bilderbuch für Erwachsene, aus dem diese sanft verrätselten Märchenszenerien stammen.

Mit raffinierter Video-Überblendungstechnik haben Schölch und sein Team daraus langsam bewegte Bilder gemacht und mit einem Erzähler auf der Bühne kombiniert, während Jolanta Szczelkun mit dunstig verschwebenden Akkordeonklängen einen Hauch von Fernweh verbreitet. Und siehe da: Die Geschichte von einem älteren Herrn, der sich daran erinnert, wie er als Kind im Atelier eines Malers all diese surrealen Gemälde bewunderte, funktioniert im Theater ausgezeichnet. Wo das Buch nämlich leicht in süßliche Erbaulichkeit abgleitet, bekommt die Idylle durch das reale Bühnengeschehen einen hauchfeinen Drall ins Komische.

Dass in der Aufführung die Kitschgefahr gebrochen ist, liegt aber vor allem auch am Solisten des Abends: Gerd Lohmeyer in der Rolle des Ich-Erzählers vermeidet jede forcierte Poesiehuberei, die in der Manufactum-Ästhetik der Geschichte lauert. Verhalten und nüchtern stellt er eine Figur von fragiler Künstlichkeit auf die Bühne. Mit Fliege, Hut und Cordsakko ist er eine Mischung aus Grandseigneur und Vagabund; gelegentlich zupft und streicht er auf der Geige herum, und wenn er seinen antiken Lederkoffer aufmacht, steckt darin eine ganze Bibliothek - aber auch ein doppelter Boden, hinter dem sich wieder ein Traumbild verbirgt. Dass der ganze Bühnen-Bilderreigen selbst keinen doppelten Boden hat, wie man es sonst von der Kunst erwartet, ist kein Manko. Sondern Voraussetzung dafür, dass diese homöopathische Theaterdroge garantiert ohne Risiken und Nebenwirkungen bleibt.

Alexander Altmann

Nächste Vorstellungen

am 19. und 31. März,

Telefon 089/ 32 19 55 33.

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