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Das Grauen liegt in der eigenen Familie: In „Horror“ kehrt eine junge Frau in das Haus zurück, in dem sie aufwuchs, und erinnert sich. Die fanatisch-religiösen Eltern (Luc van Esch und Judith Hazeleger) trieben ihr und der Schwester (Gwen Langenberg, Mi.) die kindliche Unbeschwertheit mit brutalen Methoden aus.

Vorab-Besprechung

"Horror" im Deutschen Theater: Ein schöner Albtraum

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München - Das Theaterstück „Horror“ kommt nach München ins Deutsche Theater. Wir trafen das Ensemble vorab in Paris.

Ein verlassenes Haus. Abgedeckte Möbel und knarrende Böden. Draußen tobt ein Sturm, Regen prasselt auf das Dach. Eine junge Frau tritt ein. Sie nimmt die Tücher von den schweren Möbeln, bläst den Staub von einem Buch. Plötzlich flackert Licht in einem Schrank auf, aus dem Inneren dringt ein Zischen und Flüstern. Dieses Zimmer, dieses Haus – Mädchen, lauf weg, das kann nur böse enden! Doch was macht sie? Geht auf den Schrank zu, der sie wie ein Magnet anzuziehen scheint.

Wäre dies ein Kinofilm, der Anfang wäre abgedroschen und vorhersehbar. Aber diese Produktion ist ein Theaterstück mit dem Titel „Horror“, die Zuschauer sitzen gebannt auf ihren Stühlen und fiebern dem, was folgt – wenige Meter vor ihnen – entgegen: Schreie, eine abgehackte Hand, ein Kopf, der sich um 360 Grad dreht. Und Blut, viel Blut. Rote Flecken sollen schon bald den Rock und die Bluse der Frau bedecken.

Paris, 19. Arrondissement, im Restaurant La Petite Halle am Parc de la Villette. Ein angesagter Laden in einem ehemaligen Schlachthof. Silke Hundertmark, eben noch kunstblutverschmiert, lässt sich frisch geduscht auf einen Stuhl fallen und bestellt eine Pizza. Zuvor hat die Schauspielerin und Tänzerin zwei Stunden lang auf der Bühne durch die Geschichte geführt. Als junge Frau, die das Haus aufsucht, in dem sie aufwuchs, und dort buchstäblich mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert wird.

Das Ensemble um Regisseur Jakop Ahlbom führt „Horror“ derzeit auf der Bühne im selben Gebäude auf. Im August ist das Stück erstmals in Deutschland zu sehen, zunächst in Hamburg, im September dann im Deutschen Theater in München. Nach Paris passt es gut – schließlich gab es hier Anfang des 20. Jahrhunderts das weltberühmte Horror-Theater „Grand Guignol“. Die Schauspieler maßen ihren Erfolg an der Zahl der Ohnmachtsanfälle im Publikum, heißt es.

Im Frühjahr 2016, ein halbes Jahr nach den Terroranschlägen vom Bataclan – am Eingang des Schlachthofs wird jede Tasche kontrolliert – könnte so ein blutiges Stück in dieser Stadt befremdlich wirken. Da die Spukgeschichte jedoch altertümlich anmutet, entfallen aktuelle Assoziationen beim Betrachten.

Wir wollen von Silke Hundertmark wissen: Was treibt die junge Frau, die sie in „Horror“ spielt, eigentlich dazu, in das Spukhaus zurückzukehren? Die zierliche Brünette denkt lange nach. „Das habe ich mich am Anfang auch gefragt“, sagt sie schließlich. „Aber ich habe noch immer keine Antwort darauf gefunden.“ Und das, obwohl das Ensemble das Stück an diesem Abend zum 104. Mal aufgeführt hat. Vermutlich gibt es auf die Frage keine Antwort – das scheinbar unlogische „Hingehen, Nicht-Weglaufen“ als Prämisse des Horrors. Ein Mensch stellt sich seinen Ängsten, seiner Vergangenheit oder wird damit konfrontiert.

Es geht um Themen wie Missbrauch, psychische und physische Gewalt – „das ist alles sehr dramatisch, und ich mag starke Emotionen“, sagt Regisseur Jakop Ahlbom. Ängste, wie auch immer sie aussehen mögen, trage jeder in sich. Er sei jedoch kein Sadist, betont Ahlbom. Er empfinde Horror vielmehr als gute Unterhaltung und auch als Katharsis, als Reinigung.

Der gebürtige Schwede, der in Amsterdam lebt, ist seit seiner Jugend großer Fan des Genres. „Horror ist wie Achterbahnfahren“, sagt er. „Man ist körperlich involviert, es ist ein intensives Erlebnis.“ Filme wie „Rosemary’s Baby“, „Der Exorzist“, „The Shining“, aber auch „The Ring“ hätten ihn inspiriert – in seinem Stück finden sich denn auch jede Menge Anspielungen. Dieses Extreme auf die Bühne zu bringen, habe ihn seit Jahren gereizt. „Im Film kann man Szenen wiederholen, es gibt Spezialeffekte“, sagt Ahlbom. „Im Theater ist das schwierig, da muss alles sitzen. Man muss die Aufmerksamkeit gekonnt lenken und vor allem Spannung aufbauen.“

Das Ergebnis ist subtiler und feinsinniger, als es der nichtssagende Titel des Stücks zunächst vermuten lässt. Die Kulisse: detailverliebt und von morbider Ästhetik. Die Effekte: einfach und dennoch wirkungsvoll. Die Schauspieler und Tänzer: präzise und ausdrucksstark, obwohl sie kein einziges Wort sprechen. Herausragend auch Gwen Langenberg, die als Geisterschwester groteske Verrenkungen vollführt. „Horror“ – ein schöner Albtraum in 80 Minuten.

In Paris dankte das Publikum mit einem leisen, aber lange anhaltenden Applaus. Verhaltener, als die Schauspieler es aus anderen Städten kennen, aber eine gewisse Zurückhaltung – auch das ist Paris.

„Horror“ ist vom 13 bis 18. September im Deutschen Theater zu sehen. Karten unter Telefon 089/ 55 23 44 44.

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