Horst war wie Felix Krull

- Mitte der Achtzigerjahre war es. Da gab es im immer umfangreicher werdenden Berlinale-Programm endlich eine neue Sektion namens Panorama. Ein Sammelbecken für alle schrägen, exzentrischen Produktionen, die sich dem schnellen Konsumieren zwar sperren. Ohne die aber ein Festival von Anspruch, das nicht nur der leichten Muse verpflichtet sein möchte, einfach nicht auskommt.

<P>Es war nie ganz einfach, einen roten Faden in der Panorama-Auswahl zu finden, außer diesem: unorthodox, politisierend, Minderheiten-unterstützend, schwul-lesbisch, engagiert, hautnah, streitbar, kämpferisch. So reicht das Ganze vom persönlich gefärbten Aids-Film bis hin zum spannenden Krimi für das breite Publikum. Zusammengehalten wurde und wird dieser riesige Reigen allerdings von einer Vision. Von der Haltung und Lebensphilosophie des 1994 an Aids gestorbenen Panorama-Gründers Manfred Salzgeber und seinem würdigen Nachfolger Wieland Speck.<BR><BR>"Wir wollen mit unserem Programm gesellschaftliche Prozesse verfolgen", sagt Speck. "Es geht uns um Filme, die weitertreiben, was gerade in den Nischen und an den Rändern der Gesellschaften passiert. Dabei sind wir immer auf der Suche nach selbstbestimmten Lebensentwürfen." Ihr schwul-lesbisches Profil, das für ein A-Festival wie die Berlinale bis heute übrigens einzigartig ist, verdankt die Sektion den beiden Initiatoren Salzgeber und Speck. Die beiden erfanden auch den seit 1987 im Rahmen des Festivals verliehenen Filmpreis "Teddy". So ist es kein Wunder, dass Regisseure wie Gus Van Sant, Pedro Almodovar, Ang Lie, Oskar Roehler, Chantal Akerman oder Cathryn Bigelow ihre ersten internationalen Premieren in dieser Reihe hatten.<BR><BR>Sie alle sind in ihren Filmen auf der Suche nach den von Speck geforderten selbstbestimmten Beziehungen und freien Lebensformen, von Liebe in sämtlichen bisher undenkbaren und denkbaren Konstellationen. Die neugierige Offenheit, die das Panorama auszeichnet, ist auch im Jubiläumsjahr nicht geringer geworden: Da gibt es bereits arrivierte Regisseure wie Andreas Dresen, dessen neuer Streifen "Willenbrock", die wunderbar gefühlvoll-ironische Verfilmung eines gleichnamigen Romans von Christoph Hein über den Gebrauchtwagenhändler und Schürzenjäger Willenbrock (Axel Prahl), der sich in den neuen Bundesländern als Kapitalist versucht und dem das Leben dabei allmählich entgleitet.<BR><BR>Deutliche Wunden an Körper und Seele</P><P>Ganz andere Töne und Krisen spricht die Dokumentation "Weiße Raben - Albtraum Tschetschenien" von Tamara Trampe und Johann Feindt an. Drei Jahre lang beobachteten die beiden Regisseure für ihren kraftvollen Film, wie aus dem Tschetschenien-Krieg heimgekehrte russische Soldaten versuchen, das Erlebte zu verarbeiten, zu verdrängen und sich wieder in die zivile Gesellschaft einzugliedern. Die meist nur knapp 20-jährigen Jungen, die teilweise ihren Wehrdienst an der Front leisten mussten, tragen deutliche Wunden an Körper und Seele.<BR><BR>Mit Daniel Day-Lewis, Catherine Keener und Beau Bridges prominent besetzt ist "The Ballad of Jack and Rose" von Arthur-Miller-Tochter Rebekka Miller, die Geschichte eines alternden Kommunarden in den Achtzigern. Wesentlich weniger amüsant ist die finnische Produktion "Eläville ja kuolleille" von Kari Paljakka, in der eine Familie nach dem Unfalltod des fünfjährigen Sohnes zerbricht. Das Beklemmendste an der traurigen Geschichte: Alles daran ist wahr. Das Drehbuch haben der Regisseur und die betroffene Familie gemeinsam verfasst.<BR><BR>Eine andere Art der Familienaufarbeitung hat Christopher Buchholz in seiner sehr intimen Dokumentation "Horst Buchholz . . . mein Papa" betrieben. Bereits zu Lebzeiten des berühmten Vaters hat der Sohn damit begonnen, dessen Aussagen zum eigenen Leben auf Filmmaterial festzuhalten. Da sitzt "Hotte" dann missgelaunt, trinkend und kettenrauchend in seiner kleinen, spärlich möblierten Berliner Dachterrassenwohnung, spröde auf die Fragen des eigenen Kindes antwortend.<BR><BR>"Warum Männer?", will der vom Papa wissen, der sich im Alter aus dem Schweizer Familienleben in seine Heimatstadt Berlin flüchtete, mit seinem "Sekretär". Da wich der Vater immer aus. Nur die französische Mutter Christophers und Ex-Frau Hottes, die Schauspielerin Myriam Bru, weiß eine Antwort: "Horst war wie Felix Krull. Diese Rolle hat er nicht gespielt - das war er selbst."<BR></P>

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