Bundesregierung verbietet Auftritt von Erdogan in Deutschland

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In der Hosentasche die Flasche mit Salzsäure

- Dieses Buch muss man auf dem Rücksitz eines Taxis lesen, in einem verwühlten Hotelbett oder auf dem Bahnsteig irgendwo in der Randzone einer größeren Stadt. Der Ort sollte möglichst eigenschaftslos sein, damit sich das Jean-Philippe-Toussaint-Gefühl widerstandslos auf die eigene Seele legen kann. "Sich lieben" heißt das neue Buch des vagabundierenden Belgiers, Jahrgang 1957. Seit seinem Erscheinen im letzten Jahr steht der medienscheue Autor und Filmemacher plötzlich wieder im Aufmerksamkeitskegel der Öffentlichkeit. Und das mit einem Buch, das zwar wie ein Liebesroman heißt, sich aber zwischen den Zeilen wie ein philosophischer Essay liest.

<P>Metaphysischer<BR>Schwindel</P><P>Mitte der 80er-Jahre prägte die französische Literaturkritik für eine Plejade junger Autoren - darunter Jean Echenoz, Hervé´ Guibert, Marie Darrieussecq - das Label des Minimal-Romans. Ihre Bücher waren schmal, die Sätze knapp, der Stil unprätentiös bis schroff, die Themen alltäglich. Ein geistiges Kraftfeld, wo auch der Name Jean-Philippe Toussaint immer wieder auftaucht. Zum ersten mal mit dem Roman "Das Badezimmer". Zuletzt vor drei Jahren mit einem Band kurzer Geschichten von unterwegs. "Selbstporträt in der Fremde" versammelt Prosa-Variationen, die dem Flüchtigen im absurden Drama des Alltags nachstellen.</P><P>Der neue Roman ist eine Fortschreibung dieses Themas. Es ist, als würde man über den zoomartigen Blick des Erzählers auf die Mikro-Situation einer Paargeschichte umgeleitet, um dann den Makrokosmos wie durch ein Weitwinkelobjektiv zu betrachten: und zwar in seiner ganzen klaffenden, gottlosen Unendlichkeit. Dass dieser metaphysische Schwindel den Erzähler im obersten Stockwerk eines Luxushotels mit spektakulärem Blick auf das nächtlich flimmernde Tokio ergreift, darin mag ein gewisser, vager Trost liegen.</P><P>Ein Mann und eine Frau machen eine Reise, eine Geschäftsreise nach Tokio, zu der sie ihn einlädt. Sie ist Modedesignerin und bildende Künstlerin und bereitet eine große Museums-Installation vor, in der ihre Kollektionsstücke ausgestellt werden. Die beziehungsdynamischen Voraussetzungen für diese Reise sind denkbar schlecht: sie erfolgreich und von quälender Tüchtigkeit, er melancholisch und ohne Grund zur Tat. Der Ort der Liebe ist kein intimes Idyll mehr, sondern ein Ort für alle. Geschichts- und gesichtslos. Ein Flughafen, eine Hotellobby, ein Zugrestaurant - das ist die Toussaint'sche Phantom-Stadt-Topographie für zwei Menschen, die im Flüchtigen die Auflösung von Zeit, Raum und Wirklichkeit erleben.</P><P>Es gibt keinen Erinnerungshorizont. Man weiß nicht: War dieses Paar jemals glücklich? Wenn ja, wo, wie, in welchem Jahr ihrer Liebe? Toussaint scheut keine Sentiments, aber Sentimentalitäten. Der Ton ist analytisch und anti-pathetisch. Das erzählende Ich trägt die Totenmaske einer erlöschenden Leidenschaft. Und in der Hosentasche stets griffbereit eine kleine Flasche mit Salzsäure. Der Autor ist ein Sammler von Gegenwartsphänomenen. Mit dem Sammlungsstück Liebestod dürfte er sich ein besonders prägnantes Beispiel zeitgenössischer Empfindungsgeschichte gesichert haben.</P><P>Jean-Philippe Toussaint: "Sich lieben". Aus dem Französischen von Bernd Schwibs. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt, 153 Seiten; 19,80 Euro.<BR></P>

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