Hügel und Berge

- Sportler würden jetzt wohl von der "Papierform" sprechen. Und gemessen an der - Ludwig van Beethoven! Alfred Brendel! Christian Thielemann! - kam's im Münchner Gasteig wirklich zum Gipfeltreffen. Wobei die Teilnehmer darunter Unterschiedliches verstanden. Während sich nämlich Thielemann bei Beethovens fünftem Klavierkonzert in dramatischer Klangkulisse wähnte, umgeben von monumentalen Bergen, blickend auf tief zerfurchte Täler, saß Brendel woanders: Der 74-Jährige betrachtete lieber eine sanfte Hügellandschaft mit kleinen, subtil platzierten Senken und Verstecken, dabei alles in vollendeter Logik geformt.

<P class=MsoNormal>Schon einmal, vor einigen Jahren, brachte das Zusammenspiel Brendels mit einem konträr gelagerten Künstler Ungewöhnliches hervor. Doch während sich sein Beethoven damals an Simon Rattles Auffassung gewinnbringend rieb, brauchte es nun eine Weile, bis der große Pianist und Thielemann zusammenfanden. Viele Details, auch intelligente "Weiterreichungen" von Solo-Momenten ans Tutti, gab es im ersten Satz zu hören, doch war das Allegro auch von einer merkwürdigen Unbestimmtheit geprägt.</P><P class=MsoNormal>Thielemanns sehr markigem, sehr dunklem Beethoven konnte und wollte Brendel wohl klanglich nichts entgegensetzen. Ohnehin ist Brendel, der aus einer introvertierten Grundhaltung heraus spielt, immer dann am stärksten, wenn er das Geschehen zurückholt ins Filigrane. Weshalb auch der Mittelsatz, in dem Brendel die Führungsrolle übernahm, zum Höhepunkt des Abends wurde. Geschichten von Wehmut, getrübter Zuversicht und reiner Schönheit schien Brendel da zu "singen", was Thielemann ganz sachte im Orchester widerspiegeln ließ.</P><P class=MsoNormal>In der größten anzunehmenden Besetzung waren die Münchner Philharmoniker aufmarschiert: Beethoven im trutzigen Breitwand-Format, ein fast provokativer Gegenentwurf zur aktuellen Interpretationsmode. Noch in den Applaus hinein gab Thielemann bei der fünften Symphonie den Auftakt zum berühmtesten Motiv der Musikgeschichte. Doch mochte er im ersten Satz mit eigenartiger Schlagtechnik noch so heftig "pumpen": Das Allegro blieb flach, oft zu lässig, leider auch unpräzise.</P><P class=MsoNormal>Imponierend und uneben: Die Fünfte</P><P class=MsoNormal>Sehr substanzreich, mit intensivem Klangstrom der langsame Satz, stark dann der geheimnisvolle Kulissenwechsel vom Scherzo zum Finale, der in ein gewaltiges Muskelspiel mündete: Thielemann stellte den C-Dur-Durchbruch fast tempolos hin, um dann mächtig Fahrt aufzunehmen. Ein Stilmittel, das bei der Wiederholung ausblieb - und sich somit als äußerlicher Effekt entlarvte.</P><P class=MsoNormal>Insgesamt eine imponierende, aber auch stellenweise unebene Wiedergabe der Fünften, sodass am stringentesten dann doch die einleitende "Egmont"-Ouvertüre gelang. Großer, kein ohrenbetäubender Applaus nach der Fünften, Alfred Brendel war vor der Pause ausgiebig gefeiert worden - eine Zugabe hatte er sich indes nicht entlocken lassen.</P>

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