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Debüt als Stolzing: Burkhard Fritz (li.), hier mit Norbert Ernst als David.

Die Hügel-Werkstatt hat sich gelohnt

Bayreuth - Seit neun Jahren geht das schon so, seit ihrem Eintritt in die Regie-Welt: Die gütigen Väterchen haben’s bei Katharina Wagner nicht leicht.

2002 beim „Fliegenden Holländer“ in Würzburg machte sie Senta-Papa Daland zum geldgeilen Tochterverkäufer. Und auch der Verfechter der „Heil’gen deutschen Kunst“, Hans Sachs, ist Opfer ihres Misstrauensvotums: Wie der vom barfüßigen Freigeist zum Ungeist im Spießeranzug mutiert, das ist nun im fünften Jahr Thema ihrer Bayreuther „Meistersinger“.

Letztmals ist diese Inszenierung heuer bei den Festspielen zu erleben. Und was anfangs noch ruppig-pubertäres Unterfangen war, mit Konzeptlöchern und altfränkschem Humor-Ersatz, das ist nun stringenter, handwerklich geschärfter geworden. Die Hügel-Werkstatt tat Katharina Wagners Heimspiel gut: Die Wandlung des Sachs ereignet sich nicht mehr wie auf Knopfdruck. Das gruselige Ende mit den Heldenmonumenten und einem dämonisch lachenden Schuster wirkt folglich noch schwärzer – und ist weiterhin für empörte Buhs nebst solidarischen Bravi gut.

Außerdem, aber das ist auch Besetzungssache, sind die Figuren fugenloser eingepasst ins Konzept: Adrian Eröd ist als Beckmesser anfangs ganz gespreizter Ordnungsfanatiker, der in seiner Performance mit Erdwühlarbeiten und nackigem Paar sein (sorgsam vorbereitetes) Outing erlebt. Eröd unterstreicht das mit genau abgezirkeltem Gesang, in den sich erst mit der Zeit Melos und Wärme mischen. Eine Spur vergrübelter als der Premieren-Sachs Franz Hawlata ist seit letztem Jahr James Rutherford. Der muss sich mit Neu-Stolzing Burkhard Fritz abgesprochen haben: Vier Stunden schalten beide auf Stand-by-Gesang, bevor das Finale mit Vollkraft absolviert wird. Rutherfords graue, poröse Tongebung gewinnt da an fassbarer Substanz. Und auch Burkhard Fritz bietet im letzten Preislied endlich Heldenschimmer, wobei seine Schlagersängerpose wirklich den Satirepreis verdient – und nicht den Goldhirschen des gewandelten Sachs.

Rundum festspielwürdig präsentiert sich an diesem Abend nur einer: Georg Zeppenfeld ist als Pogner eine unangefochtene Autorität – und lässt an den möglichen Wechsel zum Sachs denken. Norbert Ernst (David) teilt die Singregeln des ersten Akts weitgehend unverständlich mit, steigert sich aber später. Michaela Kaune (Eva) verschafft sich in den wenigen Soli großstimmig Gehör, bleibt ansonsten blass. Und im Graben ist Sebastian Weigle weiterhin auf der Suche nach dem rechten „Meistersinger“-Ton.

Anders als Hengelbrock beim „Tannhäuser“ liebt Weigle den großen Aufriss, scheint sich aber selbst zu misstrauen. Eine unentschlossene Deutung: Vieles, etwa die Dynamikverschiebungen im Vorspiel, ist zu gewollt. Anderes, die Bizarrerien des zweiten Aufzugs, glücken wie Pointen unterm Vergrößerungsglas. Manch großes Ensemble gibt’s im Sicherheitstempo, die C-Dur-Klangblöcke des Finales ragen wie Fremdkörper aus dem Rest. Da ist die Regisseurin dem Mann voraus: Der bräuchte noch ein, zwei Bayreuther Sommer.

Markus Thiel

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