Hühnerhaufen ohne Hahn

München - "Hat sie Sorgen? Nein, aber sie macht sich welche." Die Rede ist von Augustine, diesem spitznäsigen, unglücklichen späten Mädchen. Augustine ist eine der "Acht Frauen", die jetzt in der Komödie im Bayerischen Hof so flott aufspielen und dafür sorgen, dass man sich um das Haus von Margit Bönisch doch nicht ernsthaft sorgen muss.

Denn natürlich drückt man gerade diesem Theater immer wieder die Daumen, dass es Erfolg haben möge, künstlerischen wie finanziellen, was im Idealfall dasselbe ist. Schließlich sind in den letzten Jahren schon zwei Theater dieses Genres - Kleine Freiheit und Kleine Komödie am Max-II - pleite gegangen. Für die theatrale Grundversorgung in Sachen Boulevard gibt's in München also nur noch den Bayerischen Hof, und die Stadt sollte sich endlich bereit zeigen, etwas zur Existenzsicherung dieses Hauses beizusteuern. Zumal es ja manchmal fast schon Repertoire bietet - etwa mit der "Feuerzangenbowle" und "Till Eulenspiegel", Bönischs Angebot für Kinder und Jugendliche in diesen letzten Wochen des Jahres.

Zurück zu den "Acht Frauen", der Kriminalkomödie des Franzosen Robert Thomas (1927-1989), die zu internationalem Ruhm gelangte, als 2002 Franois Ozon das Stück mit Frankreichs Kinogöttinnen verfilmte. Vom Inhalt nur so viel: Alles dreht sich, natürlich, um einen Mann - Gatte, Vater, Bruder, Schwiegersohn, Schwager, Hausherr, Geliebter. Und da Geld bekanntlich sinnlich macht, muss dieser reiche Kerl der sogenannten besseren Gesellschaft geradezu ein überirdisches Exemplar gewesen sein, denn jedes der acht Weiber liebte diesen Mann abgöttisch. Doch das ist Vergangenheit, denn nun ist er tot.

Wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen ohne Hahn: So reagieren sie auf die Tatsache, dass ihr Goldesel offenbar ermordet wurde.

Acht Frauen, von 18 bis 80, gebannt in einen geschlossenen Raum, harrend der Dinge, die da noch kommen werden - an Gemeinheit, Wahrheit, Lügen, Intrigen, Verrat und Verführung: In dieser Oktave der Weiblichkeit steckt Musik. Das hatte sich der Regisseur des Films gesagt und jetzt auch die Schauspielregie, die in Händen von Karl Absenger und Helga Fleig lag. Also kriegt jede Frau gemäß der aktuellen Seelenlage ihren Song.

Und sie machen es alle gut. Die mit schöner Selbstironie gesegnete Maria Sebaldt als Großmutter Mamy singt "Ein bisschen Frieden". Diana Körner als Ehefrau Gaby trällert über ihren jugendlichen Liebhaber "Er war gerade 18 Jahr'" und gefällt in der komischen Laszivität einer alternden Salonschlange, die sich plötzlich vom gleichgeschlechtlichen Wohlgefallen in Gestalt der verhassten Schwägerin Pierrette überraschen lässt.

Die spielt Kraftbündel Simone Solga: voller innerer Spannung, vital, aufreizend, kess, charmant und erotisch. Ihr "Nur nicht aus Liebe weinen" ist hinreißender Höhepunkt des Abends. Gärtnerplatz-Intendant Ulrich Peters sollte mal gucken gehen. Die Solga hat höchste großstädtische Operettenqualität.

Das Einzige, was gegen diese Inszenierung einzuwenden wäre, ist die zu kleine Bühne. Mitunter hat man das Gefühl, sie stehen sich hier alle gegenseitig im Weg und manchmal dabei sogar dumm rum. Keine Möglichkeit, mal "abzublenden" in den Hintergrund der Bühne, denn sie hat keinen. Anstatt sie optisch zu erweitern, hat Ausstatter Thomas Pekny sie durch Mobiliar und eine Rampe für den Gesang noch verkleinert. Dennoch machen hier alle ziemlich gute Figur: Julia Ura Wegehaupt, Sara Sommerfeldt, Bianca Bachmann, Genoveva Mayer und Regine Hentschel, mit dem nötigen Witz am Klavier begleitet von Cordula Hacke.

Bis 20. Januar 2008, Tel. 089 / 29 28 10.

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