Die Hülle und ihre Fülle

- Nikolas Gerhart ist der neue Rektor der Münchner Akademie der Bildenden Kunst. Der Bildhauer folgt auf den Maler Ben Willikens. Seit 1998 ist der gebürtige Starnberger (1944) Akademie-Professor. Bekannt geworden ist Gerhart durch seine Werke in Stein: Arbeiten voller Kraft, die der Materie jedoch nie den menschlichen Willen aufzwingen, sondern sie respektieren. Zurzeit wird sein "Ort der Besinnung" für fünf Religionen auf dem Buga-Gelände installiert.

<P>Kommen Sie in Zukunft noch zu eigenen Projekten zwischen Lehre, Sitzungen und Geldauftreiben?<BR><BR>Gerhart: Doch; man kann ja die Leerläufe sinnvoll nutzen. Ich bin schon ein alter Hund und weiß, wie ich mir die Sitzungen einteile. Das kristallisiert sich halt so heraus: Seit 2002 war ich Konrektor, dann wird man gefragt . . . Es ist auch ein bemerkenswerter Zeitpunkt. Der Staat hat mit der Renovierung und dem Neubau (2006 fertig) viel getan. Nun müssen wir die Freiheit bewahren, Tendenzen zum Master und Bachelor, wie es sie in manchen Bundesländern gibt, abwenden. Mit der eigenen Arbeit komme ich deswegen gut zurande, weil ich Skulpturales schaffe, das keinen Tendenzen nachgeht. Ich muss nichts Temporäres mitmachen. Natürlich nimmt man Entwicklungen auf, wie zum Beispiel Architektur. Heute bieten die Jungen die Show; aber, ob alt, ob jung, es trifft die Seele immer gleich. Steine können auch Dekadenz besitzen - die polierten Platten-Tapeten von Bankfassaden interessieren mich nicht. Ich will wissen, ob der Stein sein Maul zumacht oder auf. <BR><BR>Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?<BR><BR>Gerhart: Dass man das ganze Haus füllt in der Zusammenarbeit. Es soll von innen eine kleine Explosion geben wie jetzt von außen. Nicht nur die schöne Fassade ist wichtig; das ist die Hülle - nun geht's um die Fülle. Durch den Umbau sind wir über die ganze Stadt zerstreut: Der Austausch zwischen den Klassen soll wieder möglich sein, er ist für alle Gewinn bringend. Bedeutsam ist das fließende Element, wie es eine Akademie mit Kommen und Gehen nun mal ist. Dazu gehört die Tradition. Sie lehrt Respekt vor dem Kunstwerk, egal, ob einem dieses gefällt oder nicht. Es gibt kein Scheitern in der Kunst, es gibt nur Höhen und Tiefen. Wir stehen im Augenblick da wie Könige mit unserer Residenz, aber alles muss fließend bleiben. Wenn wir das erhalten, haben wir viel geleistet. Und ich bin der Leithammel, der oft nur ganz banale Anschübe gibt.<BR><BR>"Ich will keine RTL-Kunst." <BR>Nikolaus Gerhart</P><P>Wir sind nur so gut, wie die jungen Leute gut sind. Wir müssen qualitativ standhalten, denn der Medieneinfluss ist kolossal. Ich will nicht nur "RTL"-Kunst. Ich sage den Studenten: Ihr müsst euch daran gewöhnen, dass ihr keine Chance habt gegen Boxen oder Fußball. Aber Kunst ist subversiv. Kunst darf nie hineinrutschen ins Medial-Spektakuläre.<BR><BR>Wollen Sie den Kontakt zu den Förderkreisen der Akademie intensivieren?<BR><BR>Gerhart: Ja! Es gibt Treffs, Atelierbegehungen, Tagesprogramme - für die Aktiven. Wir müssen uns aber genauso für die Passiven attraktiv erhalten und unsere Bedeutung vermitteln. <BR><BR>Akademien schmücken sich mit prominenten, internationalen Namen. <BR><BR>Gerhart: Das ist ein wichtiger Faktor. Die meisten Kollegen organisieren das wunderbar, und es ist ein echtes Interesse an der Akademie spürbar. Die überregionale Bedeutung der Akademie wird damit dokumentiert, außerdem profitieren wir von Erfahrungen aus anderen Ländern. Sicher gibt's Fehlschläge; die muss man intern regeln. <BR><BR>Gibt es ein bestimmtes Manko an der Akademie, das unbedingt beseitigt werden muss?<BR><BR>Gerhart: Das ist in unserem Großbetrieb die Kunsterziehung. Ich würde es ja lieber "Kunst in der Schule" nennen. Diese Ausbildung müsste sehr viel näher an der Kunst dran sein. Das ist eine große Aufgabe. Probleme gibt es, weil die Zuständigkeiten auf zwei Ministerien aufgeteilt sind: Die Kunst gehört zum Wissenschafts-, die Kunsterziehung zum Kultusministerium. Der Kunstbegriff darf keines Falls beschädigt werden. Wir müssen darauf achten, dass die Lehramtsstudenten in die künstlerische Ideenfindung eingebunden werden. Natürlich ist das Freie ganz konträr zu Schule. Das müssen wir verteidigen. Unser Vorteil ist, die Bündelung von Ideen, dass es immer das Besondere, die andere Perspektive gibt - egal, ob bei der Architektur-, ob bei der Schmuck-Klasse. Wir müssen das Gesamtniveau des Künstlers heben. Die Existenz des Künstlers in seiner Gesellschaft ist sehr wichtig. <BR><BR>Das Gespräch führte Simone Dattenberger<BR></P>

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