Das hüpfende Gen

- Ein verlängertes Wochenende, Rollläden runter, einen Vorrat an Nussecken und einen maßvollen an Bordeaux _ solche oder ähnlich proviantierte Luxus-Klausur erzwingt sich geradezu der neue (zweite) Roman "Middlesex" des Wahl-Berliners Jeffrey Eugenides. Denn der Enkel griechischer US-Einwanderer, schon erfolgreich mit seinem Debüt "Die Selbstmordschwestern", hat für diese 734 Seiten starke "greek-american family-saga" seinen Stil sozusagen der himmlisch abgefederten Dynamik einer Magnet-Schwebebahn angenähert.

<P>Wer will da schon abspringen? Von dieser abenteuerlichen Einwanderer-Story, die sich zum medico-genetischen Entwicklungsroman wandelt. Die in der Tradition von Chronisten wie John Updike, Philip Roth, Thomas Pynchon und Don DeLillo auch noch ein Dreivierteljahrhundert Geschichte einholt: 1922, beim Brand von Smyrna, fliehen die verwaisten Geschwister Eleutherios und Desdemona Stephanides vor den Türken nach Amerika, zu ihrer Cousine Sourmelina in Detroit.</P><P>Zwischen Zaziki und Cheeseburger</P><P>Im fremden Land, inzwischen verheiratet - mit bis zur Ehebett-Verweigerung nagendem Schuldgewissen -, werden sie Eltern eines Sohnes. Dieser heiratet ausgerechnet Cousine Sourmelinas Tochter Tessie. Ihr Baby, das 1960 im Haus am Detroiter Middlesex (!) Boulevard das Licht der Welt erblickt, ist, dem ersten Anschein nach, ein Mädchen. Aber diese zwei (plus viele dörfliche vorausgegangene) "interfamiliären" Verbindungen, und ein genau seit 1750 munter weiterhüpfendes "mutiertes Gen auf dem Chromosom fünf" machten Calliope zum zweigeschlechtlichen - zu einem "Middlesex"-Wesen. Ein Hermaphrodit.</P><P>Eugenides hat sich viel medizinische Fachliteratur zu Gemüte geführt, aber Leser, sei getrost, auch aufbereitet in seiner trocken-humorvollen Tonart, die durch das gesamte Buch hindurchsummt: entgegen sehnlichstem elterlichem Wunsch lässt sich Callie, in langsam und weidwund reifendem Entschluss zu ihrer immer schon erahnten auch männlichen Gefühlswelt, den schmächtigen "Krokus" doch nicht wegoperieren und wird mit 14 Jahren - Cal. Ohne jedoch den Anteil weiblicher Sensibilität aufzugeben.</P><P>"Middelsex", ein Roman über die Findung und Behauptung von Identität - gerade dann, wenn sie aus der so genannten Norm fällt. Und somit immer auch als Metapher zu lesen für die prekäre Immigranten-Befindlichkeit: für die Stephanides im Speziellen, die sich, zunächst unsicher verloren, dann doch eingerichtet haben, zwitterhaft!, in ihrem Griechen-Amerikanisch, zwischen Zaziki und Cheeseburger, zwischen dem orthodox angeflehten Christopherus und chromglitzernden Cadillacs.</P><P>Man könnte, deutsch-pingelig, fehlende Tiefe bemängeln, die so unbekümmert flink über schwerwiegende Ereignisse dahinflitzende Sprache (Deutsch von Eike Schönfeld). Aber gerade Eugenides' "Leichtigkeit des Schreibens" (hinter der harte Arbeit steckt) macht den Charme, die Spannung des Buches aus. Die Autostadt Detroit in ihrer Produktionshektik, Rassenunruhen, die sexuelle Befreiung der 68er-Jahre, das alles rast, fast filmschnittartig, vor- und zurückzappend an einem vorüber, bei allem Tempo jedoch eindringlich bildkräftig. Man bekommt, aus Eugenides' autobiografischer Sicht (seine Großeltern, aber keine Geschwister!), ein höchst authentisches Amerika-Gefühl. Der jetzt 43-Jährige ist sicher kein schreibender Problemewälzer, - eher der geborene "Autor als Cartoonist". Und wahrscheinlich wird "Middelsex" kein Klassiker. Aber eine Kunst bleibt, wie Eugenides mit so sparsamen Strichen größere und kleine Familiendramen zwischen Küche und Bett einzufangen weiß. Und selten wird über Seelen & Sexleben zwischen Pubertät und trägeren späteren Jahren mit einem so leichthändigen, wunderbar dezenten Witz geschrieben. </P><P>Jeffrey Eugenides: "Middelsex". Deutsch von Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg. 743 Seiten, Euro 24,90. <BR>Der Autor liest am 3. Juni im Münchner Literaturhaus. Karten: 089/ 29 19 34 27.</P>

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