Dem Hütli entwachsen

- Das Destruktive hat sich überlebt, konstruktiv hat (kabarettistische) Kritik zu sein, wenn Deutschland doch sowieso schon "Schlusslicht" ist. Jedenfalls gilt das für Frank-Markus Barwasser, der in seinem neuesten Programm von den Bürgern "Vertrauen auf Verdacht!" fordert. Doch dass der 44-Jährige zu diesem Zweck nicht zuckersüße "Ist doch alles nicht so schlimm"-Prosa liefert, zeichnet sich bei der Premiere im Münchner Schlachthof schon bald ab.

<P>Barwassers Kunstfigur Erwin Pelzig ist alles andere als ein Schönredner - und er ist auch kein pseudo-naiver, Sprüche klopfender Bierdimpfl, weswegen er seiner prononciert spießigen Kleidung mit Hütli und Herrentäschli irgendwie entwachsen zu sein scheint. Präzise und auf Fakten gestützt zieht Barwassers Alter Ego Bilanz. Und die sieht gar nicht gut aus. Der Ölpreis, der Föderalismus, der Softwarefehler - drei Standarderklärungen für Stillstand und Inkompetenz hat Erwin Pelzig schnell genannt. Wie überhaupt sein Schöpfer mit immer wiederkehrenden (Reiz-)Wörtern und Requisiten arbeitet, die dem Solo die Struktur geben.<BR><BR>Pelzig äußert sich grundsätzlich, scharf und doch ganz ohne Jammerton über die Erosion der Gesellschaft, was Hiebe gegen Einzelne, gegen die Repräsentanten des kränkelnden Staates (Edmund Stoiber, die "bayerische Parkkralle") aber nicht ausschließt. Im Kontrast zwischen vorgeblicher Ermutigung (zum Beispiel zu einer "Last Minute"-Reise mit zuvor ersteigertem, unbekanntem Gepäckstück) und den demotivierenden Tatsachen liegt die Spannung. Und damit das alles nicht zu theoretisch bleibt, taucht plötzlich ein Koffer auf, in dem eine Bombe versteckt sein kann - oder auch nicht.<BR><BR>Was wäre Erwin Pelzig ohne seine Kompagnons Hartmut und Dr. Göbel? An ihnen exerziert der freche Franke mit faszinierender darstellerischer Virtuosität die großen Fragen der Zeit noch einmal im Kleinen durch. Und auch für sein Publikum hält der Kabarettist eine vertrauensbildende Maßnahme bereit. Investitionen lohnen sich also wieder - naja, zumindest in einen Abend wie diesen.</P><P>Nochmals vom 19. bis 22. Dezember, jeweils 20 Uhr, Tel.: 089/ 76 54 48.<BR></P>

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