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Erich Heckel schuf 1909 das Aquarell „Fränzi und Dodo“, Letztere die damalige Geliebte von Ernst Ludwig Kirchner.

Huldigung an die Natürlichkeit

Bernried - Das Bernrieder Buchheim-Museum zeigt die Ausstellung „Fränzi, Modell und Ikone der Brücke-Künstler“

Eine veritable Entdeckung haben sie da gemacht im Buchheim-Museum am Starnberger See. „Wir gehen gerade unsere Bestände durch“, erzählt Chefin Clelia Segieth, „und rahmen aus“. Dabei kam auf der Rückseite einer farbig akzentuierten Kreidezeichnung von Erich Heckel (1883-1970) eine knappe, prägnante, auf das Wesentliche konzentrierte Tuschezeichnung von ihm zum Vorschein. Datiert hat man diesen Fund auf 1911. Vorn und hinten ist ein Mädchen, ein Kind zu sehen, das durch die Werke der Künstler-Gruppe Brücke berühmt und verewigt wurde.

„Fränzi, Modell und Ikone“ jener expressionistischen Richtung: Dieser Besonderheit spürt man im Museum am Bernrieder Seeufer nach. Allein zwölf Blätter von Heckel und Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) aus Buchheim-Besitz sind Lina Franziska Fehrmann alias Fränzi (1900-1950) zuzuordnen. Die Tochter einer Dresdner Putzmacherin und eines Schlossers scheint die Maler in ihrer Suche nach klaren Formen – keine weibliche Üppigkeit – und Natürlichkeit enorm inspiriert zu haben. Dass sie die Kleine ganz und gar in Kunst verwandelt haben, beweist ein Foto. Das weiche Mädchenantlitz korrespondiert eigentlich gar nicht mit jenem stilisierten, spitzen Dreiecks-Gesichtchen der Fränzi.

„Für mich persönlich ist sie das Inselmädchen, die das Wilde, den Naturzustand in den Bildern verkörpert“, bekennt Segieth. Sie will in der Kabinettsschau zeigen, wie die Brücke-Künstler das altbewährte malerische Motiv des Aktes einerseits in der Atelieratmosphäre, andererseits in der freien Natur an den Moritzburger Seen zu ihrem Expressionismus umformten. Wichtig waren dabei entspannte, normale Bewegungen – alle Viertelstunde wechselten die Modelle ihre Stellung – und eben keine starren Posen. Wichtig war zugleich, das in Flächigkeit und Linearität zu fassen. Ästhetischer Impuls dazu: die außereuropäische Kunst, etwa aus der Südsee oder Afrika. So sieht man auf den Zeichnungen – auch beim neu entdeckten Werk – exotische Statuetten und/oder Dekostoffe aus den Ateliers.

Natürlich umspielt das Fränzi-Motiv die lockende Verunsicherung, die das Pendeln zwischen kindlicher Unschuld und lasziver Lolita auslöst. Das knochige Geschöpflein, das sich die Männer da ausdachten, verweist auf deren durchaus abgründige Natur. Nur wenn sich zum Beispiel Kirchner ganz Lina Franziskas Gesicht, also ihrer Individualität, widmet, erfasst er wunderbar anrührend das ganze Kind und legt ihm seine Puppe neben das Köpfchen. Fränzi mit den kantigen Zügen und oft einer Propeller-Schleife im Haar ist hingegen ein exklusives Brücke-Wesen.

Die so reizvolle wie informative Fränzi-Ausstellung auf der Empore des Expressionisten-Saals im Buchheim-Museum stellt im Übrigen beeindruckende Bezüge zu den dortigen Gemälden her – ob Badende, ob sich räkelnde Männer. Bis 16. Juni, Tel. 081 58/99 700.

Simone Dattenberger

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