Humane Utopie

- "Zu entscheiden, was Zufall und was Notwendigkeit ist, sei ihm mitunter schwergefallen, aus Prinzip indes halte er der Notwendigkeit mehr zugute. . . . (und wie er) feststellte, daß er sich gelegentlich genötigt fühle, an Mysterien zu glauben. Vielleicht klinge es merkwürdig, aber er müsse daran glauben, an ein bestimmtes Mysterium des Findens oder, genauer, des Wiederfindens." Kein Esoteriker spricht da, sondern der Mathematiker Cassou, der mit seinem Kollegen Fedor Lagutin bei einem TU-Fest über Getrenntwerden, Verlieren und Wiederzusammentreffen philosophiert.

<P>Henry Neff und Fedor hatten sich gefunden - zufällig und notwendig und mysteriös. Der exzellente Wissenschaftler aus Baschkirien kommt, auf Einladung der Technischen Hochschule Hamburg, am Bahnhof an, verliert eine Tasche mit wichtigen Unterlagen. Noch ehe er das Fundbüro aufsucht, bringt ihm der dortige Mitarbeiter Henry die Mappe. Auf wunderbare Weise fügen sich heitere Hilfsbereitschaft und liebenswürdige Höflichkeit zu einem sehr humanen Paar. Henry und Fedor, der Einheimische und der Fremde, verkörpern in Siegfried Lenz' neuem Roman "Fundbüro" die Utopie einer natürlichen, zwanglosen Menschlichkeit. Gewalt von Motorradprolos und perfide Worte von Uni-Mitgliedern gegen Fedor zeigen, dass es "nur" eine Utopie ist. Der Fremde flüchtet zurück in die Heimat. Eine Freundschaft stirbt, eine Liebe, die von Henrys Schwester Barbara, auch.</P><P>Lenz, der immer gelassener, immer mutiger seinen Weg der sanften Subversivität geht, des untergründig glucksenden Humors, der konsequent gehaltenen Linie der Menschenliebe, erzählt von einem Anti-Karrieristen, von einem, der in die Generation Golf passt wie ein Sprengsatz. Henry Neff aus bestem Hamburger Haus will nichts - oder sehr viel. Er möchte sich bei der Arbeit wohl fühlen. Und das tut er auf dem "Abstellgleis" Fundbüro. Der Chef ist Hannes Harms, ein ruhiger, kluger Mann, der einst als Zugführer die Schuld eines anderen auf sich genommen hat. Albert Bußmann, der sich rührend um seinen alzheimerkranken Vater kümmert, erweist sich als routinierter Detektiv. Aus im Zug verlorenen, vergessenen, zurückgelassenen Beuteln, Taschen und Rucksäcken filtert er die Identität der Besitzer heraus. Und da ist noch Paula Blohm, deren Mann als Synchronsprecher fast nie zu Hause ist. Henry verehrt sie und versucht, sie mit unbeschwertem Werben herumzukriegen.</P><P>Siegfried Lenz erzählt im und durch den bescheidenen Alltag dieser Menschen Alternativen zum gängigen geltungs- und arbeitssüchtigen Lebensentwurf, er weist zugleich auf Untiefen hin wie den massiven Stellenabbau bei der Deutschen Bahn. Und auf Lernprozesse: Bruder Leichtfuß Henry, der alles für ersetzbar hält, wird eines Besseren belehrt - hier bietet das Motiv Fundbüro viele Möglichkeiten. Und er erfährt auch, dass sein Grundsatz "ich halte mich da raus" nicht funktioniert. Am Ende des Romans, als die Gang einen Postboten attackiert, hält er sich nicht mehr raus, stellt sich schlicht an dessen Seite. Seine Solidarität löst die der Nachbarn aus. Alle helfen zusammen, zeigen Zivilcourage gegen den Angst-Terror.</P><P>Siegfried Lenz: "Fundbüro". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. 336 Seiten, 21,90 Euro. Der Roman erscheint am 3. Juli.<BR></P>

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