Humanität des Alltags

- Zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Literatur-Nobelpreisträgers Heinrich Böll (1917-1985) nimmt das Interesse an seinem Werk wieder zu. Auf Lesungen und Ausstellungen, zu denen auch viele junge Leute kämen, gebe es heute mehr Resonanz als noch vor zehn Jahren, berichtet der Böll-Neffe und Leiter des Kölner Böll-Archivs, Viktor Böll. Aus den Beständen des Archivs werden derzeit die wichtigsten der 2111 Einzelwerke Bölls in einer 27-bändigen "Kölner Ausgabe" neu herausgegeben.

Nach Bölls Tod war die Strahlkraft seines Werkes verblasst. Der Krieg und seine materiellen wie seelischen Auswirkungen, Militarismus, bigottes Spießertum und die Verknöcherungen der katholischen Amtskirche, die Reibungsflächen für das Schaffen des Kölners, spielten in der öffentlichen Diskussion lange Zeit keine Rolle mehr. Das rheinisch-katholische Milieu, dem Böll entstammte, war prägend nur für die ersten Jahrzehnte der "Bonner Republik".Doch nun scheint es, als werde der Streiter für Menschenrechte als moralische Instanz und als Autor mit Gespür für die Anfälligkeit der Demokratie wiederentdeckt. Ein halbes Dutzend Titel von "Billard um halbzehn" über das "Irische Tagebuch" bis zu "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" hält - mit einer deutschsprachigen Auflage von rund zehn Millionen Exemplaren - das wachsende Interesse an Böll wach.Bemerkbar macht sich ebenso eine Neubewertung des literarischen Aspekts bei Böll, der oft für seinen wenig artifiziellen Stil kritisiert worden ist. Er wollte nach eigenem Bekunden nicht "das Nichtssagende in unsterblicher Schönheit", sondern das Schicksal einfacher Menschen in einfacher Sprache beschreiben. Kollege Günter Grass legt den "wunderbaren Erzähler Böll" mit seinen differenziert geschilderten Figuren jungen Autoren ans Herz. Und der diesjährige Böll-Preisträger Ralf Rothmann beruft sich ebenso deutlich auf die literarische Qualität Bölls wie Bachmann-Preisträger Norbert Niemann, der Böll mit Balzac verglich, den "Spiegel einer verschwundenen Welt".

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