Humanität wiederfinden

- "Soweit das Manuskript", sagte trocken der südkoreanische Premierminister Lee Hae-chan, als er gestern auf der Frankfurter Buchmesse den Gemeinschaftsstand der rund 70 koreanischen Aussteller eröffnete und mit stereotypen Worten die Notwendigkeit kulturellen Austauschs unterstrichen hatte. Um dann mit persönlichen Worten hinzuzufügen: "Ich selbst war vor 30 Jahren einmal Verleger. Ein Buch verlegen ist, wie ein Kind bekommen." Als ob diese Verbundenheit mit dem Freigeist einer Literaturszene nicht die interessantere Information wäre! Erst recht für ein Land, das sich seine Demokratisierung in vielen Konflikten erst erkämpfen musste.

Es scheint ein wenig, als müsse sich die Republik Korea auch als Gastland der diesjährigen Buchmesse immer noch - nach japanischer Besatzung, Teilung, Bürgerkrieg, Militärdiktaturen - der Wiedergewinnung seiner ureigensten Werte vergewissern. Ein schönes Beispiel hierfür ist das große Holzmodell der Buchstadt Paju, ein "Komplex für die Verlagsindustrie in Korea". Ziel der "Kulturstätte für die Buchbranche" war von Anfang an nicht nur ein wirtschaftspolitisches: "Wir möchten, dass durch dieses Projekt die Humanität wieder gefunden wird", heißt es offiziell. Mit berechtigtem Stolz präsentiert sich der fernöstliche Gast in seiner Ausstellung "Enter Korea". Zum einen, weil er auf eine reichhaltige Kulturgeschichte zurückblickt. Zum anderen, weil ihm gelungen ist, diese und den Brückenschlag in die Gegenwart unterhaltsam und mit Eleganz zu inszenieren.

Unterhaltsamer Brückenschlag ins Heute

So sticht zunächst die Installation "100 Bücher aus Korea: Ubiquitous-Book", "allgegenwärtiges Buch", ins Auge. 100 in europäische und asiatische Sprachen übersetzte Bücher repräsentieren die Kulturgeschichte. Sie liegen auf Fels-Stationen auf, die den berühmten koreanischen Dolmen, prähistorischen Grabmal-Monolithen, nachempfunden sind. Auf Handys oder Laptops an diesen Stationen ist das jeweilige Buch virtuell abzurufen. Es geht den Ausstellungsmachern um die Heranführung jüngerer Konsumenten an die Literatur, um eine Verbindung zwischen Verlag, Internet, Mobilfunk und Publishing-on-Demand. Denn anschließend kann man sich auf Verlangen ein Werk herstellen lassen.

Bei aller Technikbegeisterung hat Korea auch nicht vergessen, seine wichtigsten Autoren und ihr Werk auf überlebensgroßen Siebdrucken vorzustellen. Und schließlich führt die Schau in die Geschichte seiner Schrift und Schriftlichkeit ein. 78 Jahre vor Gutenbergs 42-zeiliger Bibel wurde 1377 in einem Kloster in Korea zum ersten Mal mit beweglichen Metalllettern ein buddhistischer Text gedruckt. Und weil nur die Oberschicht sich in chinesischer Schrift auszudrücken wusste, wurde 1446 von König Sejong ein Alphabet mit 28 Buchstaben eingeführt, das der koreanischen Lautlichkeit entsprach. Das einzige Beispiel eines bewusst von einem Menschen geschaffenen und verbreiteten Schriftsystems. Auf der Agora, dem großen Messehauptplatz, werden die traditionellen Techniken des Holz- und Metalldrucks, der Papierherstellung und Buchbinderei nicht nur gezeigt, die Besucher können sogar selbst Hand anlegen.

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