Die Humanitas ist unteilbar

- Von Tabubruch ist die Rede, von Revanchismus und Provokation: Die Pläne für ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin stoßen seit Jahren auf heftige Proteste. In Polen und Tschechien gibt es wenig Verständnis dafür, dass ausgerechnet am einstigen Sitz von Hitlers Eroberungs- und Mordzentrale der nach dem Krieg in die Flucht getriebenen Deutschen gedacht werden soll.

Die von der Vertriebenen-Politikerin Erika Steinbach geleitete Stiftung lässt aber nicht locker: Gestern Abend eröffnet die CDU-Bundestagsabgeordnete in Berlin eine Ausstellung zum Schicksal jener Millionen Menschen, die im Europa des 20. Jahrhunderts ihrer Heimat beraubt wurden.

Von Armenien bis Jugoslawien

Mit der Ausstellung "Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts" rücken der Bund der Vertriebenen und seine Stiftung das Thema in eine europäische Dimension. Das Schicksal der 15 Millionen Deutschen, die unter Zwang die Ostgebiete verlassen mussten, erscheint nicht in hervorgehobener Stellung, sondern als Teil eines europäischen Dramas. Dafür hatte auch immer wieder der inzwischen verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz plädiert, der aus Böhmen stammte und Befürworter eines Vertriebenen-Zentrums war.

Ob Armenier, Jude oder Bosnier - die Geschichte Europas ist auch eine Geschichte von Vertreibung, Flucht und Genozid. Auf 600 Quadratmetern werden im Kronprinzenpalais Unter den Linden Beispiele europäischer Schicksale gezeigt - vom Völkermord an den Armeniern 1915-1917 über die Vertreibung der Deutschen bis hin zu den "ethnischen Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien.

Die Vertreibung der Juden Europas ab 1933 wird nach einem Wort des israelischen Historikers Moshe Zimmermann als "Baustein des Holocaust" dokumentiert. Diese Ereignisse sollen jeweils "in ihrem historischen Kontext" dargestellt werden. Die Schicksale sollen nicht verglichen werden, jede Untat sei anders als die vorige Untat, sagte Kurator Wilfried Rogasch.

Aber auch von "traumatischen und existenziellen Erfahrungen der Leidtragenden" werde berichtet. Der Verlust von Heimat hinterlässt bei den Opfern tief greifende seelische Schäden. Die Ausstellung will Raum für Gefühle bieten und zeigt Objekte, die von der Flucht zeugen: Die Glocke des 1945 mit rund 9000 Flüchtlingen von der Roten Armee versenkten Dampfers "Wilhelm Gustloff", ein Hutkoffer, das Matchbox-Auto eines nordzypriotischen Kindes, der tschechische Reisepass von Franz Werfel.

Die Ausstellungsmacher wollen "keine Gewichtung der Leiden jedes einzelnen Betroffenen vornehmen", sondern Ralph Giordanos Postulat "Die Humanitas ist unteilbar" als Grundlage ansehen. Für das Projekt hat die Stiftung Wissenschaftler und Publizisten gewonnen, unter anderem die Historiker Arnulf Baring, Lothar Gall und Christoph Stölzl.

Auch die große Koalition befürwortet ein "sichtbares Zeichen" zum Gedenken an Vertreibungen in Berlin - allerdings in Zusammenarbeit mit dem 2005 in Warschau gegründeten Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität.

Bis 29. Oktober, Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3.

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