Humor kam nie zu kurz

- "L'Hourloupe" hat irgendwas mit "heulen", "Eulenschrei" - auf Französisch "hurler" und "hululer" - oder dem Roman "Riquet à` la Houppe" von Maupassant zu tun, aber vor allem natürlich mit seinem Erfinder selbst, mit Jean Dubuffet (1901- 1985). Der Franzose, der sich nicht nur mit der Kunst von Kindern und von seelisch Kranken, Art brut genannt, auseinander setzte, sondern eben auch mit dem Spaß an der Lautmalerei, bezeichnete seine wichtigste und bekannteste Schaffensphase mit jenen dunklen, hüpfenden Ou-Tönen.

<P>Das Salzburger Rupertinum, Museum der Moderne, widmet ihm jetzt die umfassende Retrospektive "Jean Dubuffet - Spur eines Abenteuers" (Kuratoren: Museumschefin Agnes Husslein-Arco, Caroline Messensee). Die vielseitige, eindrucksvolle  Exposition  mit<BR>Die Zehen der Araber</P><P>circa 120 Werken konnte durch die Zusammenarbeit mit dem Guggenheim Museum Bilbao (zweite Station der Schau) und der Pariser Fondation Dubuffet realisiert werden. <BR><BR>Jean Dubuffet wurde als Sohn eines Weinhändlers geboren, wandte sich als junger Mann der Malerei zu, war aber jahrelang nicht zufrieden mit seinem Weg als Künstler. Zwischenzeitlich arbeitete er immer wieder als Firmenchef. 1942 schreibt er: "Das Bedürfnis zu malen, überkam mich wieder." Und Dubuffet wurde zu einer der großen künstlerischen Figuren des 20. Jahrhunderts. Schon in den frühen, düsteren, mit dicker Farbpaste zum Relief verwandelten Bildern manifestierte sich die Lust am Kruden, aber auch am Karikaturhaften. Humor kam bei Dubuffet nie zu kurz. Bereits die Gouache "Araber mit Fußspuren" zeigt knorrige Beduinen, ein Eselchen, ruhende Kamele - und zahllose Fußsohlen-Zehen-Abdrücke.<BR><BR>Diese Vielheit, dieses All-over-Prinzip, das Muster, die wuchernden Kombinations-Systeme entwickelte der Künstler stetig weiter, wie die chronologisch gehängte Schau anschaulich darlegt. Dubuffet war zugleich neugierig auf der Malerei fremdes Material. Er probierte Pflanzen, Schmetterlingsflügel, Sand, Glas, Zement, Stein, Holz et cetera als Bild-Bestandteil aus, was damals völlig unüblich war und die Gemüter heftig erregte. Ihm wurde die feine, kleinst gemusterte Oberflächenstruktur von Mauern, Felsen, Holz, Flechten und dergleichen sehr wichtig. Mit "Paris Circus" (1961) trat dann wieder mehr das Figürliche in den Vordergrund: groteske Typen, die Masse Mensch oder - hinreißend witzig - die Restaurant- beziehungsweise Straßen-Szenen. <BR><BR>Einsame Strichmännchen</P><P>Nach und nach verdichtete sich das in diesen Jahren zum "L'Hourloupe"-System: kräftig schwarz umrandete Bauelemente, die rundlich und innen weiß sind, bloß ab und zu blau oder rot schraffiert. Aus diesen Teilen montierte der Maler nun eine ganze Welt - vom Selbstporträt über abstrahierte Wimmelbilder bis zum bühnentauglichen "Coucou Bazar" der 70er-Jahre. Dubuffet vereinte auf fantastische Weise in all dem die Liebe zur Flächigkeit und klaren Farbigkeit eines Matisse oder Léger, Op-Art-Augentäuschungen, Ungegenständliches und Figuratives, kubistischen Ordnungswillen und wilde Geste, sogar Zwei- und Dreidimensionalität. Der Künstler hob diese Widersprüche auf - und hatte einen Riesen-Erfolg damit. </P><P>Ein Teil der lustigen "Bazar"-Figuren - Gestalten auf Rollen, aber auch Ganzkörper-Kostüme für die Spieler, sind ebenfalls in Salzburg zu sehen. Fotos im Katalog zeigen außerdem deren immense Vielfalt und fast schon bedrohliche Menge, die den Meister umstellt hat.<BR><BR>Aber auch davon befreite sich der Maler. Er durchbrach das Cloisonné (Emailtechnik) der festen Umrahmung, versuchte sich an der ganz eigenen Expressivität des "Informel", nahm schon erprobte Mischfarben-Varianten wieder auf. Das Verhältnis von Farbe und Linie wurde von dem alten Herren neu untersucht. Er gab aber auch seine komischen und doch vereinsamten Strichmännchen nicht auf. In wirklich sehr schönen Collagen brachte er diese ästhetischen Erfahrungen zusammen - damit so manche spätere Kunstentwicklung vorwegnehmend.</P><P>Bis 19. Oktober, täglich 10-18 Uhr, Mi. 10-20 Uhr, Wiener-Philharmoniker-Gasse 9, Tel. 0043/ 662/ 80 42 25 41; Katalog: 29 Euro.<BR></P>

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