Humor der spitzen Feder

- Ein, zwei Tage, maximal eine Woche reicht normalerweise die Aufmerksamkeit für eines dieser Bilder. Dabei könnte man manche Themen ein Leben lang betrachten: "Der göttliche Teufel" wirft aus dem roten Stehkragen heraus einen so betörenden Blick auf den Betrachter, dass man sekündlich, täglich, jährlich immer wieder dieser Magie erliegt. Windschnittig das Gesicht, die Hörnchen aerodynamisch nach hinten gebogen, lächelt der Spitzohrige mit dem makellosen Teint indifferent. Um den mahnenden Zeigefinger der elegant manikürten Hand kreiselt ein Heiligenschein vor Tiefblau.

Genau im Weihnachtsheft 1996 veröffentlichte die Zeitschrift "Der Spiegel" diese malerische Verführung. Bis heute ist die Illustration des ewig Bösen in der menschlichen Seele gültig. Ludvik Glazer-Naudé´ ist mit dieser prämierten Arbeit eines der besten Titelbilder des Magazins gelungen und zugleich auch eines der typischsten: Verfolgt man die "Spiegel"-Cover der letzten Jahrzehnte, die jetzt in der Münchner Pinakothek der Moderne ausgestellt sind, so trifft man auf gebündelte soziale, politische und künstlerische Positionen, die über den kurzlebigen Anspruch einer Zeitschrift weit hinaus gehen und ihren Ursprung in atemberaubenden, teils rotzfrechen, ironischen Bildern haben. Dass dafür die namhaftesten Illustratoren verpflichtet wurden und werden, hat auch einen marktwirtschaftlichen Hintergrund: Die legendären Titel sorgten für die höchsten Verkaufszahlen.<BR><BR>Bis die Redaktion des "Spiegel" allerdings an die Macht der Malerei glaubte, bedurfte es des vollen Einsatzes des damaligen Art Directors Eberhard Wachsmuth. Ab 1956 schließlich wurden regelmäßig Aufträge an die Grafiker vergeben. Abstrakte und gesellschaftliche Themen wurden seither in Öl oder Acryl, in Tempera, Tusche oder Airbrush-Technik zugespitzt. Sehr enge Vorgaben und das Credo, nie einen Titel oder eine Metapher zu wiederholen, bestimmen bis heute die Arbeitsweise rund um Ressortleiter Stefan Kiefer. Dass diese "Gebrauchsgrafik" aus extrem aufwändigen, eigenständigen, durchaus museumswürdigen Bildern besteht, macht jetzt die Neue Sammlung im Designmuseum anhand der Wanderausstellung mit fast 200 Originalen klar.<BR><BR>Die immense Bandbreite wird durch 60 internationale Künstler bestimmt, die von der Karikatur bis zur klassischen Lasurmalerei, von garstigen Kommentaren bis zu lyrischen Kompositionen alles bieten. Altmeisterlich beispielsweise setzt Braldt Bralds den Mythos Che Guevara oder die zwei Mephisto-Seelen Goethes um. <BR><BR>1982 zeichnete Tilman Michalski "Die Angst der Deutschen" auf dem Ohrensessel sitzend neben der Stehlampe am Ende einer bröckelnden Treppe. Endzeitstimmung, wie sie auch heute wieder zu finden ist . . . 1997 setzte Marvin Mattelson Jesus allein an den Abendmahlstisch, gerade noch die Fersen der Davonlaufenden konnte man unter dem Stichwort "Glauben ohne Kirche" sehen. Im gleichen Jahr ließ Tim O'Brien das Abenteuer Euro den Bach hinunter gehen: Metaphern, die bis heute nichts an Gültigkeit verloren haben.<BR><BR>Kanzler- und Präsidentenbilder prägten darüber hinaus den Blätterwald. Nicht immer haben alle den beißenden Humor der spitzen Federn begriffen: Jean-Pierre Kunkels "Bushkrieger" im Rambo-Gewand 2002 kurz vor dem Irakkrieg waren im Weißen Haus gerne gesehen. Die Ballonköpfe deutscher Politiker in höheren Sphären, Roberto Paradas Bündelung zur "Droge Wichtigkeit", dürften wohl weniger Zustimmung gefunden haben.<BR><BR>"Der Spiegel war bekannt dafür, in seinen Texten nicht übertrieben höflich mit Funktionsträgern umzugehen. Wir näherten uns dieser Tugend auch mit dem Titelbild an."<BR>Eberhard Wachsmuth<P>Verwendete Blätter sowie auch Variationen und fertige Editionen im berühmten roten Rahmen mit Schrift offerieren in der Ausstellung nicht nur einen Gang durch die Zeitgeschichte, sondern lassen immer wieder Begeisterung ob des handwerklichen und boshaften Könnens aufkommen. Von Hitler bis zum Papst war noch kein Thema vor den Spiegel-Illustratoren sicher.</P><P>Bis 17. Juli, Tel. 089/272 72 50. Katalog: 29,90 Euro<BR><BR></P>

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