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Hunger nach Leben - Autobiografisches Erzählen boomt

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Schriftstellerin Julia Franck
Schriftstellerin Julia Franck sitzt vor der Premiere ihres neuen Buchs „Welten auseinander" im Pfefferberg-Theather. © Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

„Nach einer wahren Geschichte“ - das könnte zur Zeit auf vielen Büchern stehen. Was steckt hinter dem Trend? Und wo ist es für einen Schriftsteller schöner: In der Roman- oder in der Sachbuchecke?

Berlin - Julia Franck hat erlebt, was vielen Schriftstellern passiert, wenn sie einen viel beachteten Bestseller geschrieben haben: Das nächste Buch hat es dann schwer. Die Erwartungen sind hoch.

Bei Franck war es 2007 „Die Mittagsfrau“, das den Deutschen Buchpreis bekam. Ihr nächster Roman konnte beim Erfolg nicht mithalten. Es war jahrelang still um sie. Mit „Welten auseinander“ hat sich Franck gerade mit Verve zurückgemeldet. Die 51-Jährige erzählt darin von ihrer Jugend und der Familie zwischen Ost und West. Keine Memoiren, sondern autobiografisch inspiriert. Ein hoch gehandelter Freischwimmer von einem Roman.

Das Buch ist ein Beispiel dafür, wie sehr der Markt von autobiografischen Stoffen geprägt ist, die nicht in der Sachbuchecke stehen. Was ist wirklich passiert, was erfunden: Das war schon immer eine zentrale Frage der Literatur. „Oft liegen unsere Geschichten und unsere Sicht auf die Wirklichkeit Welten auseinander“, schreibt Franck.

Kleine Sensation

Andere aktuelle Beispiele: Eine kleine Sensation war im Oktober die erstmalige Veröffentlichung eines frühen autobiografischen Romans von Simone de Beauvoir, „Die Unzertrennlichen“, in dem es um ihre leidenschaftliche Freundschaft zu einer Mitschülerin geht. Dem Schauspieler Edgar Selge („Polizeiruf 110“) gelang ein bemerkenswertes Debüt als Schriftsteller - mit 73 Jahren. In „Hast du uns endlich gefunden“ erzählt er von einer bürgerlichen Kindheit, väterlicher Gewalt und Hauskonzerten. „Ein Wahnsinnsbuch“, hieß es in einer Deutschlandfunk-Kritik.

Auffällig ist, wie viele Titel in den vergangenen Jahren von Erlebtem und von Identitäten handeln. Oft machen sie die Grenzen zwischen Fiktion und Realität selbst zum Thema, spielen damit. Karl Ove Knausgård fand, dass sein Leben für sechs ziegelsteindicke Bücher reicht. Der Norweger wurde damit zum internationalen Bestsellerautor.

Andere bekannte Namen sind Joachim Meyerhoff, Gerhard Henschel, Andreas Maier, die Britinnen Rachel Cusk und Deborah Levy oder die neu entdeckte Dänin Tove Ditlevsen mit ihrer Kopenhagen-Trilogie. Aus Frankreich kommen die schon für den Nobelpreis gehandelte Annie Ernaux und der Literatur-Star Edouard Louis. Letzterer spielte sich in der Theaterfassung von „Wer hat meinen Vater umgebracht“ in der Berliner Schaubühne selbst.

Was steckt hinter dem Trend?

Der Literaturwissenschaftler Simon Sahner sieht dahinter gesellschaftliche Entwicklungen. Zum einem ist da die Debatte um „Identität“ und das Streben von an den Rand gedrängten Gruppen nach Gleichberechtigung. Zum anderen sind wir durch soziale Medien daran gewöhnt, von uns selbst zu erzählen und werden von anderen mit Persönlichem konfrontiert.

Es gibt laut Sahner zudem einen Realitätshunger, „Reality Hunger“, wie es der amerikanische Autor David Shields nannte. „Dafür spricht auch, dass es neben dem großen Interesse an autobiografischen Geschichten eine starke Begeisterung für erzählende Sachbücher gibt.“

Wenn man über sich selbst schreibt, ist das ein emanzipierender Vorgang. Man gibt sich selbst eine Erzählung. Die „Memoirs“ sind laut Sahner häufig ein Zeugnis von Umbruchphasen oder von herausfordernden Situationen, in denen das erzählende Einordnen Orientierung bieten kann.

Im deutschsprachigen Raum hätten diese Art von Texten noch nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfahren wie im angelsächsischen oder auch im französischen Raum, siehe Ernaux oder Louis. Vergleichbar im Ansatz ist für Sahner hierzulande Christian Barons „Ein Mann seiner Klasse“, der darin die Geschichte seiner Kindheit in Kaiserslautern erzählt, mit einem prügelnden Vater und einer depressiven Mutter. Ein anderes Beispiel: Mely Kiyaks „Frausein“ über Weiblichkeit und das Aufwachsen zwischen Ländern und Klassen.

„Es geht ein bisschen zu wie bei Instagram“

Der Schriftsteller Moritz Rinke sieht einen verstärkten Trend zu einem „Biographismus“ im Buchmarkt. „Es geht da ein bisschen zu wie bei Instagram, die ganz ungebrochene Ich-Ich-Form. Welches interessante Leben rechtfertigt momentan Romane? Genderbücher zum Beispiel, sogenannte Diskursbücher, Themenbücher, in der Sache und trotz der ganzen Ballung alle richtig und wichtig.“ Aber nicht überall würde er „Roman“ draufschreiben.

Dieser Markt sei etwas anderes als das autobiografische Romanschreiben. Es gebe vermutlich keinen Roman ohne autobiografische Erfahrungen. Rinke fallen viele Beispiele ein: „Der Untertan“ - kein autobiografischer Roman und doch hat Heinrich Manns Lebensgeschichte Eingang in das Werk gefunden; ebenso war es bei den „Buddenbrooks“ seines Bruders Thomas. Die Beispiele seien endlos, von Goethes „Dichtung und Wahrheit“ über Marcel Proust bis Knausgård. „Der Hunger nach Wirklichkeit wird in der Literatur, aber auch bei Netflix immer deutlicher.“

Rinke kennt die Frage „Was hat das Buch mit Ihrem Leben zu tun?“ Seine Mutter sei öfter in Worpswede angesprochen worden, ob sie zu Besuch in der Heimat sei, sie lebe doch auf Lanzarote. „Man hielt sie in dem Worpswede-Roman "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" immer für die Mutter des Protagonisten, die das Teufelsmoor und die Künstlerkolonie irgendwann gegen die Vulkanlandschaft eintauschte. Meine Mutter hat diese Insel aber nie betreten.“

Romane seien immer in die Fiktion gewandeltes Leben, eine Mischung aus Erlebtem, dem Leben anderer, Historischem, Realem und Fiktion. Beim „Biographismus“ geht es für Rinke eher um die Biografie auf dem Buchumschlag: Alter, Nationalität, sexuelle Orientierung. Ist es als Schriftsteller schöner, mit Büchern in der Roman- oder in der Sachbuchecke zu liegen? „In der Romanecke. Gute Romane werden erst mit der Zeit richtig gut. Entscheidend an überlebensfähigen, universelleren Büchern ist ja, ob man sie noch in zehn oder zwanzig Jahren lesen kann.“ dpa

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