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Der Retter des Abends: Tenor Mathias Vidal.

„Cinq-Mars“ im Münchner Prinzregententheater

Husarenritt durch ein vergessenes Stück

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München - Charles Gounods Oper „Cinq-Mars“ im Münchner Prinzregententheater wiederentdeckt – mit einem spektakulären Einspringer.

Alles ist getan. Die jahrhundertelang vergessenen Noten entstaubt, eine neue Fassung erpuzzelt und gedruckt, Chor und Orchester mit dem fremden Stück vertraut gemacht – und dann wirft der Titelrollensänger bei der Generalprobe erkrankt das Handtuch, geht grußlos zum Arzt und lässt alle sitzen. Der Super-Gau.

Es sei denn, man findet einen Supermann. So einen wie den Franzosen Mathias Vidal, dem zwei Tage Studium und zwei Stunden Klavierprobe reichen. Und der dann in der konzertanten Aufführung von Charles Gounods „Cinq-Mars“ im Münchner Prinzregententheater zwar fast vom Blatt singt, dabei aber einen unerschrockenen Husarenritt riskiert, dies mit belastbarem Tenor und mehr als bühnenfüllender Emotion. Dem Begriff ist ausgelutscht, doch hier endlich angebracht: eine Sensation – zumal dem Stück ohne Vidal der Rücksturz ins Archiv gedroht hätte.

Zu Unrecht. „Cinq-Mars“ ist pralle, farbige, sinnliche Theatermusik. Auch, weil die Handlungszutaten stimmen. Die Hauptperson, ein Aufrührer, ist zerrissen zwischen dem Hass auf den diktatorischen Kardinal Richelieu und einer verbotenen Liaison. Was ist also entscheidender, die Freundschaft zum Mitkämpfer De Thou oder die Liebe zur Prinzessin Marie? Überdeutlich erinnert das ans Kräftedreieck aus „Don Carlos“. Und überraschend, dass Gounod (trotz des heroischen, historischen Sujets aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts) gern einen Gang zurückschaltet. Statt markige Machotöne gibt es Delikatesse, auch große Ensembles sind eher lyrisch grundiert, und der „Halali“-Chor, ein Cousin von Webers „Freischütz“-Pendant, atmet Eleganz und feinen Humor. Das Ballett-Divertissement, wie in Tschaikowskys „Pique Dame“ ein Schäferspiel, ist funkelndes Orchesterfutter und musikalisch fast am avanciertesten.

Wenn es aber ans Verhaften und Sterben geht, in den hinteren beiden der vier Akte, häufen sich die (hoch-)dramatischen Ausschläge. Dann bäumt sich die Musik auf wie bei der Schwurszene der Aufrührer oder im finalen Hymnen-Duett des verurteilten Freundespaares. Dirigent Ulf Schirmer greift da mit seinem Münchner Rundfunkorchester beherzt zu. Bemerkenswerter ist aber, wie er zuvor die Partitur in ein sehniges Klangbild übersetzt. Ein „Verweile doch“ ist mit ihm nicht zu haben, erst recht keine Überparfümierung. Schirmer unterläuft da mit seinem Orchester und dem prägnanten BR-Chor alle Klischees, die Gounod anhaften. Dass man die spätere Version wählt, ohne gesprochene Dialoge, hat auch einen Preis: Die Rezitative sind manchmal redseliger als die knapp gehaltenenen Arien und Ensembles.

Unterstützt von der Stiftung des Palazzetto Bru Zane, die sich um die Wiederentdeckung französischer Musik bemüht, ist dem dritten Sonntagskonzert der Saison eine höchstrangige Solistenriege vergönnt. Veronique Gens als Prinzessin Marie ist so ziemlich das Gegenteil von Einspringer Mathias Vidal. Mit herber Hoheit gestaltet sie das unglückliche Blaublut, die Ausbrüche sind nach dem Gesangslehrbuch kontrolliert – den finalen Zusammenbruch kauft man dieser entschlossenen Marie, bei der man viel zwischen den Zeilen heraushören kann, fast nicht ab.

Tassis Christoyannis ist als De Thou anfangs Klang gewordene Noblesse, umso mehr wirkt seine mit ausladendem Gestus geschriebene Arie im dritten Akt nach, bei der der Grieche Baritongrenzen austestet. Andrew Foster-Williams imponiert als Pater Joseph mit Granit-Timbre, Norma Nahoun als Kurtisane Marion mit feiner Lyrik. Zusammen mit den Kollegen sind das alles Idealvoraussetzungen, nicht nur für die Folgekonzerte in Versailles und Wien, sondern auch für die CD-Produktion. Ein Intendant, der da zugreift, sollte sich auch noch finden lassen.

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