Huschende Schatten im Grandhotel

- Das Kino kann einpacken. Was die Sammlung Goetz in ihrem neuen Medienbereich Base103 in München liefert, ist ein Rundum-Erlebnis: eine begehbare Installation mit vier Großleinwänden, ein intimes Kabinett mit Liege und Videobrille. Emmanuelle Antille macht daraus ein sinnliches, aber auch grenzwertiges Unterfangen. Die Schweizer Künstlerin versetzt den Voyeur in eigenartige Traumwelten, die die Themen Liebe und Gewalt, Gesellschaft und Verführung ausloten. Sie lässt in Hotelzimmer blicken und bietet ein surreales Sommercamp an, das den Besucher mehr gefangen nimmt als jede Party draußen.

<P>Mit der eigenen Neugier konfrontiert</P><P>Mit diesem fulminanten Auftakt bestätigt die Sammlung Goetz: Für die umfangreiche Mediensammlung brauchte man, elf Jahre nach Eröffnung des Gebäudes, einen eigenen Bereich. Der Münchner Wolfgang Brune hat die Architektur von Jacques Herzog und Pierre de Meuron erweitert. An die Schauräume schließt sich der unterirdische Trakt an, variabel und zurückhaltend gestaltet, sämtliche Technik verschwindet hinter einer Wandschale. Durch eine Filzschleuse gelangt man in die filmische Parallelwelt.<BR><BR>Ein Monitor zeigt, wohin Antille bei "Radiant Spirits" (2000) entlockt: in ein altes Grandhotel. Über die Gänge huschen Schatten. Im ersten Raum werden sie greifbar: Eine noble Party wird hier auf drei Leinwänden parallel reflektiert. Die Szenerie ist schummrig, orgiastisch, aber nie direkt. Selbst die Details via Videobrille behalten trotz allem Voyeurismus, trotz aller Nähe eine gewisse Sachlichkeit. Der Blick des Betrachters folgt dem der distanzierten Randfigur. Es ist der Blick auf die Verführungs- und Produzierungskünste der Frauen, es ist die Konfrontation mit der eigenen Neugier, den eigenen Wünschen, dem eigenen Rollenbild.<BR><BR>Im zweiten Raum gelingt es Antille, eine tiefsinnige Version des Big-Brother-Phänomens auf die Leinwände zu bringen. 2003 füllte das gesamte "Angels Camp" mit Langfilm, Videos, Fotos, Objekten, Musik und Roman den Schweizer Pavillon bei der Biennale Venedig. Auch der Münchner Auszug "into the purple circle" nimmt gefangen. Dieses obskure Lager am Seeufer mit seinen seltsamen Familienmitgliedern schwebt zwischen leichter Sommerfreude und geschlossener Kommune mit Gewaltpotenzial und einem deutlichen Hang zum Mystischen. Handlungsstränge gibt es zwar, logisch sind sie nicht.<BR><BR>Da bellen sich die Protagonisten an, sie erkunden den Wald und sich selbst, verbandeln sich, leben aber nach ihrem Pseudo-Sinn. Auf den Leinwänden wird gleichzeitig Umwelt und Seele beleuchtet. Über allem schwebt weichgezeichnet der Hauch einer unerklärlichen Melancholie, der im Selbstmord des Mädchens vom Fluss endet.<BR><BR>Als Darstellerin, Autorin, Regisseurin und Produzentin führt Antille alle Einzelaspekte zu einem faszinerenden, suggestiven Gesamterlebnis zusammen. Traum, Kunst oder eine weitere Ebene der Wirklichkeit?</P><P>Bis 2. Oktober, Oberföhringer Straße 103, Telefon 089/95 93 96 90.<BR></P>

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