Hymne auf einen Weltstar

- Vom international tourenden Grand Ballet du Marquis de Cuevas kam sie 1961 zum Stuttgarter Ballett. Ein Schicksalsmoment. Gerade nämlich hatte der 34-jährige John Cranko (1927-73) die Leitung übernommen - und in der Brasilianerin Marcia Haydée entdeckte er seine Muse, die eine ganze Ära prägte: als charismatisch vielseitige, vor allem als hochdramatische Primaballerina, dann auch, nach Crankos frühem Tod, zwanzig Jahre als Stuttgarts Ballettchefin. Ein Buch über die Haydée war längst fällig.

Spannende Spurensicherung

Jetzt kann man alles über den Weltstar nachlesen in "Marcia Haydée - Divine" von Cornelia Stilling-Andreoli. Die aus vielen Zeilen herauszulesende Bewunderung für ihre Protagonistin hat Stilling-Andreoli sichtlich beflügelt: Dieses Buch ist gründlich bis hinein in detaillierte, zum Teil Sachbuch-artige Beschreibungen der ungeheuer zahlreichen Partien und Rollen, vor allem der von Haydé´e kreierten großen Cranko-Klassiker. Es kann geradezu als Nachschlagewerk genutzt werden.

Gleichzeitig ist diese von der Fotografin Gundel Kylian bebilderte Biografie eine spannend zu lesende Spurensicherung eines reichen Künstlerlebens. Wenn die Autorin stilistisch auch hin und wieder - speziell in der hymnischen Schilderung von Haydé´es Körper und tänzerischen Qualitäten - in den leicht altmodischen Ballettomanen-Überschwang einer älteren Generation verfällt, Stilling-Andreoli vermittelt eine Fülle von Fakten und Einsichten und gliedert ihren Stoff höchst übersichtlich.

In den acht "Lebensstationen" gibt sie gleich zu Beginn einen bewundernswert kompakt-eindringlichen Überblick über den Werdegang dieser Ausnahmekünstlerin: Haydée, 1937 in Niteroi in der Nähe von Rio de Janeiro in eine großbürgerliche kultivierte Familie hineingeboren, setzt bereits als Kind ihren Wunsch zu tanzen durch, verlässt mit 15 die Familie - für dortige Verhältnisse eine Unerhörtheit -, um an der Londoner Royal Ballet School zu studieren, hat in Crankos "Romeo und Julia" 1962 ihren Durchbruch, macht als Tatjana in Crankos "Onegin" nach dem "Härtetest" des New Yorker Gastspiels 1969 Weltkarriere.

Ihrer Anziehungskraft verdankt das Stuttgart Ballett letztlich, dass nach Crankos Tod unter ihrer Leitung ab 1976 die bedeutendsten Choreographen wie Kenneth MacMillan, John Neumeier, Maurice Bé´jart, Hans van Manen, Glent Tetley und Jiri Kylian für das Ensemble kreieren oder ihm Stücke überlassen. Sie selbst inszeniert die Klassiker "Giselle" und "Dornröschen" neu, fördert aber auch im Sinne ihres Mentors Cranko viele junge Choreographen-Talente, unter ihnen der bereits verstorbene Uwe Scholz, Nürnbergs Tanzchefin Daniela Kurz und Wiens Ex-Ballettchef Renato Zanella. Schlaglichter wirft die Autorin auch auf die Bühnen-Partnerschaften mit dem langjährigen Lebengefährten Richard Cragun, mit Egon Madsen, dem Bé´jart-Star Jorge Donn u.a . . .

1995 heiratet Marcia Haydée den Yoga-Lehrer Günter Schöberl und zieht sich mit Beendigung ihrer Stuttgarter Direktion 1996 zwei Jahre ins Private zurück - um dann als Partnerin des Brasilianers Ismael Ivo eine neue Karriere als reife Tanztheater-Interpretin zu starten. Für Stilling-Andreoli spricht auch, dass sie die Haydée zu Äußerungen über Privates bewegen konnte, das sie jedoch immer in einem beruflichen, ganzheitlichen Bezug sieht - ganz der Haydé´e entsprechend. Das Stuttgarter Ballett war ja tatsächlich ihre Familie. Marcia Haydé´e, Künstlerin, Weltstar und "Mutter der Compagnie", wie sie liebevoll von ihren Tänzern genannt wurde, hat ein halbes Jahrhundert Tanzgeschichte mitgeschrieben - und genau das vermittelt dieses Buch.

Cornelia Stilling-Andreoli: "Marcia Haydée - Divine". Henschel Verlag, Berlin, 206 Seiten; 24,90 Euro.

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