Hymnen an Renitenz

- Jess Jochimsen ist Jahrgang 1970. In seinem Fall ist das wichtig, weil der Kabarettist gerne Befindlichkeiten seiner Generation aufspießt. Sein Programm "Das wird jetzt ein bisschen weh tun!" zeigt er gemeinsam mit Musiker Sascha Bendiks ab heute fünf Abende lang, jeweils um 20 Uhr, in der Lach- und Schießgesellschaft.

Sie schreiben in jüngster Zeit eifrig: Kolumnen, den Roman "Bellboy". Haben Sie überhaupt noch Lust auf die Bühne?

Jess Jochimsen: Total, das eine bedingt ja das andere. Ich finde gerade das Vorlesen archaisch- schön. Meine Texte leben davon; es eröffnet Chancen für subtilen Witz.

Geben Sie ab heute wieder den Vorleser?

Jochimsen: Zum Teil, aber wir spielen auch den traurigsten Country-Song der Welt, huldigen außerdem AC/DC, greifen ins Klo und nach dem Sternen.

Worum geht’s denn inhaltlich?

Jochimsen: Um Geschichten von Menschen, die sich wehren; über lebenslangen Frust, der sich an Kleinigkeiten entlädt. Für den Stammtischmonolog eines Trinkers hatte ich einen Tresensteher aus meinem Heimatdorf vor Augen, eine Ausgeburt an Renitenz, der sich von den Großkopferten nichts bieten ließ. Eine Hymne an Querdenker in einem entschleunigten Programm. Dazu zeigen wir ausgesuch schlimme Dias.

Sie schöpfen oft aus den Erinnerungen ihrer Generation. Was macht diese aus, außer dass alle "Brauner Bär" schleckten?

Jochimsen: Mit dem Begriff tue ich mich, ehrlich gesagt, schwer; es wäre anmaßend, für eine Generation sprechen zu wollen. Ich möchte einfach Geschichten erzählen, die mich betreffen. Das politische Personal niederzumachen, interessiert mich nicht; frühere Freunde an Unternehmensberatungen verloren zu haben, die Wiederkehr von Yuppie-Attitüden sogar ohne Geld hingegen schon.

Kein politisches Kabarett traditioneller Art . . .

Jochimsen: Ich finde schon. Wobei mich der Punkt interessiert, an dem Privates politisch wird -und damit meine ich keine billigen Scherze über Frau Merkels Frisur. So etwas finde ich oberlehrerhaft und wenig fruchtbar. "Nostalgie ist ein Transmitter für die Wahrheit."

Was meinten Sie mit diesem Satz?

Jochimsen: Dass ein klarer Blick auf die Vergangenheit in der Gegenwart helfen kann. Das Glücksgefühl, das 80er-Jahre-Shows oder die bloße Erwähnung von Capri-Sonne hervorrufen, dieses "Früher-war-allesbesser" funktioniert wohl nur, weil in der Gesellschaft etwas falsch läuft. Viele sind unglücklich. Mir persönlich geht heute vieles zu schnell, auch die Häppchenkultur auf den Bühnen.

Was haben Sie eigentlich gegen Latte-Macchiato- Schlürfer?

Jochimsen: Nix, aber wenn "eine Latte, Giovanni, aber mit viel Milchschaum und ohne Koffein" bestellt wird, finde ich das bedenklich.

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