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Sebastian Kreyer will bei seiner Inszenierung vor allem die Mutter-Sohn-Beziehung herausarbeiten.

Interview zur Premiere

„Ibsen ist da unbarmherzig“

München - Münchner Volkstheater: Regisseur Sebastian Kreyer spricht im Interview über seine Sicht auf das Drama „Gespenster“ von 1881.

Ehehölle, Lügen, zerrüttete Familienverhältnisse – Henrik Ibsens Drama „Gespenster“ von 1881 sorgte in Norwegen für einen Riesenskandal. Sebastian Kreyer (34) hat das Familiendrama jetzt für das Münchner Volkstheater unter anderen mit Ursula Burkhart, Max Wagner und Pascal Fligg inszeniert. An diesem Samstagabend ist Premiere.

In „Gespenster“ prangert Ibsen kirchliche Moralvorstellungen an. Ist das Stück in Zeiten von Homo-Ehe und Patchwork-Familien noch modern?

Einige Passagen sind tatsächlich nicht zeitgemäß. Etwa, wenn der Pastor sich über sogenannte wilde Ehen empört. An diesen Stellen haben wir großzügig gestrichen. Aber das ist nur eine Ebene des Stücks. „Gespenster“ dreht sich hauptsächlich um den Konflikt zwischen Osvald, der nach Jahren zurück nach Hause kommt, und seiner Mutter. Diesen Konflikt rücke ich in meiner Inszenierung stärker in den Fokus als die moralische Ebene.

Die Beziehung zwischen den beiden wird dadurch verkompliziert, dass Osvald krank ist: Er leidet an Syphilis, die er von seinem Vater geerbt hat – die Krankheit galt zu Ibsens Zeiten als Erbkrankheit.

Das Tragische an dieser Diagnose ist, dass Osvald sie sich nicht erklären kann. Er hat kein ausschweifendes Leben geführt, und er glaubt fälschlicherweise auch, dass das für seinen Vater gilt. Nur weil ihr Sohn so sehr von der Ungewissheit gequält wird, entscheidet seine Mutter sich, ihm die Wahrheit zu sagen.

Zu spät.

Ja. Ihr Lügengebäude ist zu groß, als dass mit einem Schlag alles wiedergutzumachen wäre. Sie muss versuchen, mit dem kranken Sohn klarzukommen. Das ist nicht gerade einfach: Osvald verhält sich egozentrisch. Mit der Haushälterin Regine etwa bandelt er nur deshalb an, weil er auf der Suche nach einer Art Todesengel ist, der ihn im Falle des Falles von seinen Qualen erlöst. Im Grunde ein makaberer Plot.

Helene Alving spricht im Zusammenhang mit Osvald und Regine zum ersten Mal von den titelgebenden „Gespenstern“. Was meint sie damit?

Die „Gespenster“ stehen zum einen für all das, was wir von unseren Eltern geerbt haben. Als Osvald mit Regine anbandelt, wirkt das auf seine Mutter, als würde sich die Vergangenheit wiederholen. Sie fühlt sich an Osvalds Vater und Regines Mutter erinnert, die sie damals zusammen erwischt hat. Zum anderen meint sie mit diesem Begriff aber auch alte, überkommene Überzeugungen, die in uns stecken.

Welche „Gespenster“ haben wir heute?

Nicht unbedingt andere als die, die im Stück thematisiert werden. Das ist ja das Spannende und Moderne an Ibsen: dass er nicht nur einfordert, sich von Werten zu verabschieden, die sowieso als obsolet gelten, sondern auch von solchen, die wir heute noch hochhalten.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel die Erwartung, dass ein Kind seine Eltern lieben und ehren soll. Ibsen zeigt, dass diese Liebe kein Naturgesetz ist. Dass sein Vater ein Lump war, ist Osvald ziemlich egal – er hat ihn sowieso kaum gekannt. Und zu seiner Mutter kehrt er nicht aus Liebe zurück, sondern weil er einen Platz zum Sterben sucht. Ibsen ist da unbarmherzig.

Das Stück „Gespenster“ hat kaum Handlung. Wie wollen Sie das auf der Bühne umsetzen?

Ich will den Fokus auf die Beziehungen der Figuren untereinander richten, auch auf die zwischen dem Pastor und Helene. Die beiden sind ja ein verhindertes Liebespaar. Für die Bühne ist diese Konstellation dankbar, weil die Dialogszenen so emotional aufgeladen werden.

Trotzdem spielt sich die ganze Geschichte in nur einer Kulisse ab.

Und alles passiert innerhalb von einem Tag und einer Nacht. Sogar der Anfall, von dem Osvald sagt, dass er vielleicht erst in Jahren kommt, ereignet sich noch auf den letzten zwei Seiten des Stücks. Es ist schon schwer, sich das ohne Ironie vorzustellen. Auch die Figuren sind bei Ibsen so überzeichnet, dass sie fast schon boulevardesk wirken.

Sie setzen also auf Humor?

Wir gehen mit dem Stoff sehr spielerisch um. Andererseits gibt es auch ernste Momente, die berühren. Zwischen diesen beiden Polen einen guten Mittelweg zu finden, ist wohl die größte Herausforderung bei dieser Inszenierung.

Das Gespräch führte Katharina Mutz.

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