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„Eine Bewegung löst einen Klang aus“: Philippe Jordan (39) in Aktion. Diese Woche gastiert er bei den Münchner Philharmonikern.

„Ich behalte gern die Kontrolle“

München - Philippe Jordan über das Dirigieren, seinen berühmten Vater und ein Leben zwischen Wien und Paris: Ein Interview mit dem Musikdirektor der Pariser Oper und künftigen Chef der Wiener Symphoniker.

Er trägt einen großen Namen – und hat sich vom Vater, dem 2006 verstorbenen Dirigenten Armin Jordan, längst emanzipiert. Die Karrierekurve von Philippe Jordan, geboren 1974 in Zürich, weist steil nach oben. Er ist Musikdirektor der Pariser Oper und steht vor einer großen Herausforderung: Ab der kommenden Saison übernimmt er die Wiener Symphoniker. Offizielles Antrittskonzert ist am 2. Oktober unter anderem mit Schuberts erster Symphonie, der Auftakt zur Gesamtaufführung aller Schubert-Symphonien. Diese Woche gastiert Jordan mit Werken von Wagner, Ligeti und Schumann bei den Münchner Philharmonikern.

Sie haben einmal gesagt, Ihr Bayreuther „Parsifal“-Dirigat habe Sie verändert. Was ist passiert?

Mir war das vorher nicht so deutlich, dass Wagner nicht nur ein grandioser Komponist ist, sondern auch so etwas war wie der erste große Dirigent. Bei ihm ist alles unheimlich klar organisiert. Man kann in Bayreuth nicht reüssieren mit dem Vorsatz: „Ich will hier meine Ideen verwirklichen.“ Man muss erst versuchen, diese besondere Situation zu begreifen. Man muss zum Beispiel große Gesten vermeiden, zu denen wir ja gerade bei Wagner verleitet werden. Das alles nimmt man gern mit an andere Orte.

Erliegt man als jüngerer Dirigent der Gefahr, zu sehr als Kontrollator aufzutreten?

Das liegt am Typ. Manche gehören mehr zu den Emotionalen, manche mehr zu den Kontrollfreaks...

...und Sie?

Ich behalte schon gern grundsätzlich Kontrolle über die Sache. Vertrauen aufbauen, einfach spielen lassen, diese Kunst muss man mit den Jahren lernen. Gerade in Bayreuth muss man viel abgeben. Die Chorleiter führen dort den Chor, die Assistenten sagen mir, wie es draußen klingt...

Dirigiert man Symphonisches anders, wenn man wie Sie an Opernhäusern sozialisiert wurde?

Ja. Man dirigiert kapellmeisterlicher, formaler, organisatorischer. Das heißt nicht unemotionaler. Dieser Wechsel zwischen Emotion und Kontrolle ist in der Oper eine schöne Sache. Auch für Orchester ist es wichtig, dass sie sowohl Symphonisches als auch Oper spielen. Flexibiliät, zuhören können, sich zurücknehmen, das kommt dem Symphonischen sehr zugute.

Kontrollieren Sie sich mit Videos? Wissen Sie, wie Sie beim Dirigieren aussehen?

Nein, das ist nicht wichtig. Am Anfang macht man das vielleicht. Es ist eher wichtig, eine Bewegung von der Klangvorstellung her auszuführen. Eine Bewegung löst einen Klang aus – letztlich geht es da Pianisten oder Geigern ähnlich.

Als Chefdirigent in Paris und baldiger Chef in Wien: Welchem Kulturbiotop fühlt man sich als Schweizer näher?

Natürlich habe ich mich als Deutschschweizer anfangs der deutsch-österreichischen Seite etwas näher gefühlt, zumal auch meine Mutter Österreicherin ist. Bis zum Tod meines Vaters war mir aber nie ganz klar, wie sehr ich auch der französischen Seite verbunden bin. Das ist mir so richtig deutlich geworden, als ich meinen Pariser Posten angetreten habe.

Wird es für Dirigenten leichter, wenn sie älter werden? Haben Sie anfangs kämpfen müssen?

Kämpfen ist zu viel gesagt. Und wenn, dann weniger mit Orchestern als mit mir selbst. Man hat einfach die Erfahrung noch nicht. Man macht ja alles zum ersten Mal. Geiger, Pianisten sind mit ihrem Instrument vertraut, bevor sie auf die Bühne gehen, Dirigenten nicht. Gottlob gibt es das deutsche Stadttheatersystem, in dem man sich Erfahrungen erarbeiten kann.

Wie schwierig war es, sich vom Vater zu lösen, ihn auch nicht zu imitieren?

Das war schwierig, weil mein Vater eine so starke Persönlichkeit war. Es war daher wichtig und richtig für mich, aus der Schweiz wegzugehen, um herauszufinden, wer ich bin und was mein Weg sein könnte. Und vor allem, um aus dieser Vergleichssituation wegzukommen – gerade, weil wir so grundverschieden sind.

War es selbstverständlich, dass Sie die künstlerische Richtung einschlagen? Der Vater Dirigent, die Mutter Tänzerin: Man hätte ja gegen die Berufe der Eltern auch rebellieren können.

Ich dachte an andere Berufe, aber nicht aus diesem Grund. Der künstlerische Bereich war allerdings immer unstrittig. Meine Eltern meinten: „Er will das auch machen – na ja, warum nicht?“ Auch wenn sie sich vielleicht gewünscht hätten, dass es in der Familie endlich jemanden gegeben hätte, der was Ordentliches lernt. (Lacht.)

War der Vater bei Ihren Dirigaten anfangs immer dabei?

Oh ja, er war da ziemlich neugierig und wollte alles mitbekommen. Das fand ich schon sehr schön.

Was kann man an der Pariser Oper dem Publikum zumuten, was nicht?

Vom Repertoire her geht eigentlich alles. Zeitgenössisches ist sogar ein Auftrag des Ministeriums. Das Problem ist eher die Regie. Das französische Publikum ist konservativer als das deutschsprachige. Das heißt nicht, dass man Modernes nicht mag. Aber gewünscht ist dort eine bestimmte Ästhetik, wie übrigens auch in England. Es muss immer gut aussehen.

Gibt es eigentlich Wochen ohne Musik für Sie?

Ganz ohne nicht. Aber es gibt Urlaub, der ist ganz wichtig für mich. Ich bin kein Jetsetter, der eine Probe an einem Ort macht und zu einer Abendvorstellung woanders hinfliegt. Das kann ich nicht, das möchte ich nicht. Ich brauche zweimal im Jahr meine drei Wochen frei. Aber auch da arbeite ich schon mal zwei Stunden am Tag an Partituren.

Es geht Ihnen also nicht wie Mariss Jansons, der mit Partituren am Strand sitzt?

Nein. Aber vielleicht passiert mir das in ein paar Jahren...

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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