"Ich bewundere die Schlanken"

- Kein runder Geburtstag und auch sonst kein Extra-Ereignis, das Anlass gäbe, ihm zum jetzigen Zeitpunkt eine Ausstellung zu widmen. Wenn das Münchner Literaturhaus dies dennoch tut und sich in großer Form dem Schriftsteller Martin Walser (78) widmet, so geschieht das laut Literaturhaus-Chef Reinhard Wittmann aus vornehmlich zwei Gründen: "Martin Walser hat in den letzten zwei Jahren begonnen, sein Archiv zu sichten und seine Tagebücher abzuschreiben, die wohl irgendwann bei Rowohlt erscheinen werden. Der eigentliche Auslöser für diese Ausstellung war aber, dass bei den letzten Lesungen Walsers bei ihm ein gewisser Leidensdruck zu spüren war, wenn draußen Flugblätter verteilt wurden mit Parolen wie ,Nieder mit Walser!"

<P>All den "Vorurteilen, Verurteilungen und Klischees" wolle er mit dieser Ausstellung entgegentreten. Denn: "Die Brüche, die seinem Leben, seinem Werk unterstellt werden, gibt es nicht." Und wenn der Schriftsteller nach seiner umstrittenen Rede in der Frankfurter Paulskirche (1998) und nach seinem Roman "Tod eines Kritikers" (2002) scheinbar dauerhaft auf Schlagworte wie "Schlussstrich", "Wegschauen" und "Antisemitismus" reduziert werden soll, dann ist es an der Zeit, den "ganzen" Walser zu zeigen. "Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr" - dieser Walser-Satz bildet denn auch das Motto der Ausstellung.<BR><BR>Widmann und die Kuratoren Jörg Magenau (Autor der soeben erschienenen Walser-Biografie, s. nebenstehenden Artikel) sowie Armin Kratzert waren im Haus des großen Alten vom Bodensee und haben im Chaos der Papiere gesichtet, geordnet, gefunden, ausgewählt: Briefe, Fotos, Tagebücher, Plakate, Jahreskalender und ein Ein- und Ausgabenbuch. Wie bescheiden: Im Juni 1961 hat er Einnahmen in Höhe von 735 Mark; die Ausgaben belaufen sich auf 289, 10 Mark, darunter zwei Hemden, Nachttaxen, Socken, Schreibkosten.<BR><BR>Das Besondere der gelungenen Präsentation ist die Kombination aus klassischen Materialien einer Literaturausstellung und Filmen. Zu den zehn Vitrinen gehören zehn große Bildschirme. Auf ihnen permanent zu sehen - und per Kopfhörer ist dazu der Ton zu haben: Szenen aus Walser-Verfilmungen, seine Reden, Diskussionen. Und ein von ihm 1957 in Warschau gedrehter Dokumentarfilm.<BR><BR>Der gereichte zum Skandal in der alten Bundesrepublik; denn er zeigte erstmals und quasi offiziell Polen in seinen aktuellen Nachkriegsgrenzen. All jenen, die nur Aufgeschnapptes nachplappern, ohne selbst zu lesen, sei ein Besuch dieser Ausstellung besonders empfohlen. Denn hier erfahren sie, welche intellektuelle Rolle in der kritischen Aufarbeitungs- und Aufbruchstimmung der 60er-Jahre Martin Walser gespielt hat. Eine, derer er sich nicht zu schämen braucht.<BR><BR>Seine frühen Theaterstücke wie "Eiche und Angora", "Der schwarze Schwan" oder auch "Der Abstecher" zeugen davon. In einer Umfrage unter Prominenten, welcher Partei sie bei der Bundestagswahl 1969 ihre Stimme geben werden, war Walsers Antwort: ADF, Aktion Demokratischer Fortschritt, und nicht die SPD, "weil ich keine rechtsstehende Partei wähle". Aber in der Ausstellung begreifen wir nicht nur den politischen Dichter, sondern auch den sinnenfrohen. 1958 notierte er in seinem Tagebuch zum Thema "Etwas über die Frauen": "Ich bewundere die Schlanken. Dick könnte ich selber werden." </P><P>Bis 1. Mai 2005. Mo.-Fr. 11-19 Uhr, Sa./ So. 10-18 Uhr. Tel. 089/ 29 19 34 11.<BR></P>

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