"Ich bleibe wach"

Hilary Hahn: - Hilary Hahn ist längst eine Star-Geigerin. An diesem Sonntag spielt sie in der Münchner Philharmonie Edward Elgar.

Obwohl Hilary Hahn bereits als Sechsjährige ihr erstes Solokonzert gab und Musikwettbewerbe gewann, hat sich die heute 27-jährige amerikanische Geigerin mit deutschen Vorfahren nie als Wunderkind empfunden: "Es ist zwar schön, wenn einem jemand dieses Kompliment macht, aber es ist für mich ein bisschen zu sensationell. Bei mir war es kein Wunder, sondern ganz normale Arbeit."

Vielmehr empfindet Hilary Hahn ihren Karriereverlauf als behutsam geplant: "Von Studentenkonzerten, zu Recital, zu Konzerten mit kleineren und später dann mit größeren Orchestern. Es hat sich einfach entwickelt, und alles baute sinnvoll aufeinander auf. Ich habe immer viel Spaß mit der Musik gehabt und habe ihn immer noch. Außerdem: Die Zusammenarbeit mit den Kollegen und die Qualität der Musik, wie ich spiele, und die Interpretation. Und von dem großen Medienzirkus habe ich eigentlich nicht so viel bemerkt."

2007 hatte Hilary Hahn allerdings einen medienträchtigen Auftritt. Sie spielte in Rom zum Geburtstag von Papst Benedikt vor 10 000 Menschen in der Großen Audienzhalle, begleitet vom Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter Leitung von Gustavo Dudamel. "Es gibt ja nicht so viele Gelegenheiten, im Vatikan zu spielen. Mozart war Wunschprogramm, doch der Termin kam ziemlich kurzfristig, und so wählte ich etwas, was ich nicht erst einstudieren musste. Da ich sowieso vorhatte, einige Wochen später Mozarts 3. Violinkonzert zu spielen, dachte ich, das passt auch gut für ein Geburtstagskonzert. Und es ist schon schön zu hören: ‚Ja das Konzert war mein Geburtstagsgeschenk’."

Vorliebe für Stoffe aus allen möglichen Ländern

Im München wird sie in der Philharmonie allerdings nicht Mozart, sondern das h-moll-Violinkonzert op. 61 von Edward Elgar spielen. "Eigentlich schlug mir das Roger Norrington vor. Elgar hatte ich ursprünglich nicht in dieser Saison geplant. Dann dachte ich mir, dass es sehr schön ist, mit Norrington dieses Konzert zu erarbeiten. Er hat so viele starke Ideen, und ich wollte sehen, was er damit machen würde." Sie selbst hat bei ihrem Spiel immer Ideale im Ohr und versucht, die Stimmung zu treffen. Versucht, Klang-Ideen zu erreichen, aber nie etwas zu kopieren.

Seit 4. Mai ist Hahn auf Deutschlandtournee, eine gemischte Tour aus Solo- und Orchesterkonzerten. Zwischendurch gastierte sie sogar noch ein paar Tage mit Brahms-und Elgar-Konzerten in Asien: Taipeh, Chinchu, Hongkong und Seoul. "Es ist ein bisschen verrückt, weil es sehr gemischt ist. Es wurde nicht von der Agentur arrangiert, ich treffe alle Entscheidungen selbst, und es ist für mich eine Herausforderung. Keine Monotonie ­ also ich bleibe wach!" Auch was das Reisen angeht, ist Hahn Individualistin. Zum Teil ist sie im Tourbus mit Fahrer unterwegs. "Das ist eigentlich nicht ungewöhnlich. Es ist nur bei klassischen Musikern nicht so verbreitet. Der Banjo-Spieler Bela Fleck, ein Freund von mir, brachte mich auf die Idee. Wenn ich fliege, ist es schwierig, an ein und demselben Tag ein Konzert zu spielen. Ich muss immer am Flughafen und im Flieger sitzen, anschließend auspacken. Ich kann eigentlich wenig arbeiten. Im Wohnmobil hab‘ ich alles dabei, Küche, Computer, TV. Ich kann mich während der Fahrt irgendwo einklemmen und sogar üben."

In ihrem Spiel ist ihr allerdings Bewegungsfreiheit immens wichtig. Es gibt gute sportliche Gründe schulterfrei zu spielen, nicht gegen den umhüllenden Stoff ankämpfen zu müssen. Apropos Stoffe: Dafür hegt Hilary Hahn eine Leidenschaft. "Es gefällt mir sehr, in verschiedenen Ländern Stoffe auszuwählen, mit nach Hause zurückzubringen und nähen zu lassen. Das mach‘ ich öfter, als Designer-Kleidung zu tragen." Keine Frage, dass Hilary Hahn ihr Hongkong-Gastspiel zugleich zum Seidekaufen nutzte.

Als Künstlerin arbeitet sie gerne mit anderen Musikern, ob klassisch oder nicht. Demnächst geht sie mit einem Freund, dem Indy-Folkmusiker und Songwriter George Ritter, auf Reisen. Zur Entspannung zeichnet sie mit Kuli Porträts und lädt sich das Programm von NPR-National ­ Public Radio aus dem Podcast. "Dann sitze ich im Flugzeug und hör‘ NPR zu, das ist ganz surreal."

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