Zwei Musical-Premieren

Gärtnerplatztheater-Chef: „Brauch’ das volle Programm“

München - Seit einem halben Jahr ist das Gärtnerplatztheater im "Exil". Sein Chef Josef E. Köpplinger sprach mit unserer Zeitung über die ersten sechs Monate und die zwei bevorstehenden Musical-Premieren.

Bis auf Weiteres bleibt er der Intendant ohne Heimat. Doch Josef E. Köpplinger, Chef des Gärtnerplatztheaters, ist auf bestem Wege, sein Publikum während der Umbauphase des Stammhauses auch für die Exil-Spielstätten zu begeistern. Am Donnerstag hat in der Münchner Reithalle „Cabaret“ Premiere (Regie: Werner Sobotka), am 28. Februar kommt Köpplingers Inszenierung von Cole Porters „Anything Goes“ im Fröttmaninger Theaterzelt heraus.

Warum zwei Musical-Premieren innerhalb einer Woche?

Ich könnte das jetzt schönreden und sagen: Der neue Intendant ist einer, der verstören will. Aber ein Grund liegt darin: Wir müssen die Räume nehmen, die uns zu dieser Zeit zur Verfügung stehen. Uns war klar, dass das für alle eine komplizierte logistische Situation wird. „Cabaret“ ist ja eigentlich, wenn man mal vom bekannten Film absieht, kein Riesenstück für die Requisite. Werner Sobotka wird das auf eine sehr direkte, auch mal derbe Art erzählen. Aber das in eine total leere Halle hineinbauen und dennoch auf ein Bühnenportal mit Lämpchen und Tischchen davor nicht verzichten zu wollen, das ist schon knifflig. Es schaut nicht extrem aus, es steckt aber wahnsinnig viel Arbeit drin.

Ein Haus ohne Haus, das war für Sie neu. Man rechnet da mit allem. Was hat Sie trotzdem noch negativ überrascht?

(Denkt lange nach.) Was wirklich schwierig ist: Wir haben ein komplett neues Team, das in kürzester Zeit zusammengewachsen ist. Wir sind uns grundsätzlich einig, wohin wir mit diesem Theater wollen. Das prallt auf eine zum Teil alteingesessene Gruppe. Das zusammenzubringen, die neuen Ideen einzubauen, das verlangt Arbeit. Da hätte ich mir manchmal ein schnelleres Verstehen im Gesamten gewünscht. Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich ein ungeduldiges Einzelkind bin... (Lacht.) Und dennoch: Ich bin erstaunt über die tolle Stimmung bei uns und wie diese besondere Situation und die neuen Produktionen in der Stadt angenommen wurden.

Könnte es auch sein, dass die Stadt aufgrund der Situation nachsichtiger mit Ihnen ist?

Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich habe aber eher eine große Neugier gespürt. Das „Dornröschen“- Ballett zum Beispiel war restlos ausverkauft. Das hat mich total überrascht, weil die Reithalle ja wirklich etwas abseits liegt. Die Leute ziehen also auch in die Heßstraße mit, und gerade das fand ich so ermutigend.

Haben Sie auch die klassischen Gärtnerplatz-Abonnenten mitziehen können?

Nein. Ein knappes Drittel unserer Abonnenten haben wir erst mal verloren. Viele sagen aber: Wir warten ab, bis das Stammhaus saniert ist. Die Wege sind ihnen zu kompliziert. Wir haben diesen Menschen die Möglichkeit gegeben, ihre Plätze aufzuheben und sie quasi auf Warteschleife gelegt. Sie haben ein Vorwahlrecht für Abos. Was in einer solchen Lage hilft: Musical ist immer ein Lockstoff. Insgesamt streben wir ein Mischungsverhältnis aus 60 Prozent bekannten und 40 Prozent eher unbekannten Stücken an. Beim Tanztheater übrigens stellen wir gerade fest, dass sich da auf einmal ganz neue, ganz junge Leute eine Karte kaufen.

Kann man die ins Stammhaus mitziehen, das für manchen den Ruch des Verstaubten hat...?

Das glaube ich schon. Wir haben zum Beispiel einen Jugendtheaterclub mit 40, 45 Mitgliedern. Da schafft es der Nachwuchs wirklich, sich mit ganzem und heißem Herzen für ein gemeinsames Projekt zu begeistern, das mit professioneller Hilfe erarbeitet wird. Diese Jugendlichen fragen auf einmal nach Premierenkarten für die sogenannten großen Produktionen. Und wenn wir zum Beispiel jetzt in „Cabaret“ eine Sally Bowles haben, deren Darstellerin Nadine Zeintl um die 25 ist, dann sitzen die in den Proben und sagen: Wow! Die ist ja nur ein bisserl älter als ich!

Denken Sie an weitere Spielorte? Warum zum Beispiel kein Open Air?

So etwas ist schon diskutiert worden. Und das zum Entsetzen vieler, die schon jetzt am Limit arbeiten. Da gab es Blicke zwischen Hass, Verzweiflung und Selbstmordgedanken. Aber im Ernst: Ich muss ja weiterdenken. Ich muss ein Kernrepertoire mit Stücken aufbauen, die ich vielleicht später ins sanierte Haus mitnehmen kann.

Wie schaut aktuell der Zeitplan aus? Wann wird tatsächlich wiedereröffnet? Angesichts mancher Skandalprojekte andernorts wird man skeptisch...

Wir waren neulich alle auf der Baustelle, damit die Arbeiter wissen und spüren, für wen sie bauen. Und die kommen jetzt alle in die Generalprobe von „Anything Goes“. Es wird interessant ab März 2015. Nur: Bevor ich in ein schlecht renoviertes Haus gehe... Ich hoffe ganz fest auf Herbst 2015, da müsste gespielt werden, schließlich ist dann 150-jähriges Bestehen des Theaters.

Für die rund 30 Vorstellungen Ihrer Auftaktproduktion des „Weißen Rössl“ haben Sie im Theaterzelt insgesamt etwa 50 000 Tickets angeboten. Wie war die Auslastung?

Besser als erwartet, Sie sprachen ja gerade die Größe des Hauses an. Ich dachte mir: Zwölf Mal das Kontingent des Stammhauses mit seinen 900 Plätzen, also knapp 11 000, das wäre in einer normalen Saison drin und damit eigentlich das Soll gewesen. Am Ende hatten wir über 22 000 Karten verkauft!

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Haben Sie sich schon verflucht, weil Sie in der ersten, schwierigen Saison so viel selbst inszenieren?

Keine Sekunde. Es wird halt merkbar, wenn Terminkollisionen drohen. Ich bin aber jetzt umso mehr der festen Überzeugung, dass ich in den ersten zwei, drei Jahren so viel Produktionen betreuen muss. Es hilft, den Betrieb bis in den letzten Winkel kennenzulernen. Kunst ist ja nicht nur Philosophieren oder Versponnenheit, sondern hat auch mit Verständnis für die Praxis zu tun. Das Theater als rein platonisches Liebesverhältnis ist mir zu wenig, ich brauch’ das volle Programm.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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