"Ich brauche keine Sicherheit"

- Ihre Karriere begann an dem Punkt, auf den andere ein Leben lang hin arbeiten: "Die Geschichte vom weinenden Kamel" (2003), der erste Film der mongolischen Regisseurin Byambasuren Davaa, wurde für den Oscar nominiert. Doch bei der Frage, ob dieser Erfolg nicht einen unglaublichen Erwartungsdruck ausübe, zieht Davaa erstaunt die Augenbrauen hoch und lacht: "Ich merke nichts davon!" Es sei nicht ihre Art, Dinge zu kalkulieren, fügt die 33-Jährige hinzu. "Mein Vorteil sowohl als Mensch als auch als Filmemacherin ist: Ich brauche keine Sicherheit. Weil ich weiß, dass es die sowieso nie gibt. Ich bin offen für alles und reagiere immer aus der Situation heraus." Das sei das Mongolische in ihr.

Diese Offenheit hat ihr wohl auch den Mut gegeben, vor knapp fünf Jahren, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, von der Filmhochschule in Ulan Bator an die HFF München zu wechseln. "Ich bin damals am Hauptbahnhof gelandet, habe erst einmal im Wartesaal geschlafen und mir dann am nächsten Morgen eine Wohnung gesucht. Das ist meine Mentalität: Ich gehe einfach hin und schau', was passiert." Eine Haltung, die sich nicht nur in ihrem Leben, sondern auch in ihren Filmen spiegelt.

Bestes Beispiel dafür ist ihr neues Werk "Die Höhle des gelben Hundes", das auf dem Münchner Filmfest seine Uraufführung erlebt. Obwohl Davaa damit ihren ersten Spielfilm vorstellt, sind ihre Mittel dokumentarisch: Statt mit Schauspielern drehte sie mit einer Nomadenfamilie. "Ich hatte den groben Plot im Kopf. Der Rest hat sich von selbst ergeben. Wenn ich mich dabei die ganze Zeit an den Gedanken geklammert hätte, dass das alles funktionieren muss, wäre der Film nie so authentisch geworden. Ich hätte zum Beispiel den Kindern Sätze in den Mund gelegt, mit ihnen geübt. So aber habe ich sie beim Spielen beobachtet und die Atmosphäre eingefangen." 

Eine Arbeitsweise, die für das Kamerateam eher ungewohnt war. "Wenn die Kinder keine Lust hatten zu spielen, ging halt nichts voran. Spielten sie plötzlich doch, hieß es, hopp, Kamera an und los!" Von ihrem ersten Film her wusste sie, welche Probleme deswegen auf sie zukommen würden. "Ein deutsches Filmteam will alles durchorganisieren. Die Menschen in der Mongolei leben aber ganz anders. Deshalb habe ich dieses Mal versucht, mein Team in den Fluss des Lebens dort zu integrieren, nicht umgekehrt. Wir haben wie eine Familie mit den Nomaden zusammengelebt, uns die Zeit gelassen, sie kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen. Dann hat das wunderbar funktioniert."

"Aber wissen wir denn, wo wir hin wollen?"Byambasuren Davaa 

Doch auch in der Mongolei verändert sich das Leben momentan sehr stark: Technische Neuerungen und die Einflüsse der westlichen, konsumorientierten Welt verdrängen zunehmend die alten Traditionen und spirituellen Werte. Ein Thema, das Davaa in ihren Filmen aufgreift: "Es ist mein Anliegen, diesen zeitgeschichtlichen Wandel meines Landes und meiner Kultur aufzuzeigen." Bewerten will sie ihn aber nicht. "Wer bin ich denn, den Leuten zu sagen: Passt auf - da geht etwas verloren!" Ihr sei klar, dass diese Entwicklung von niemandem zu stoppen sei. "Das gilt doch nicht nur für die Mongolei, sondern auch für uns hier. Wir machen mit, wir gehen weiter - aber wissen wir denn, wo wir hin wollen? Meine Intention als Filmemacherin ist nur, diesen Wandel zu zeigen. Schlüsse daraus ziehen muss jeder selbst.""Die Höhle des gelben Hundes" im Maxx: 28.6., 19.30 Uhr; 1.7., 14.30 Uhr.

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