„Ich dachte, es reicht“

München - In Israel hat sich die erste Richard-Wagner-Gesellschaft des Landes gegründet. Der Initiator und seine Anhänger wünschen sich eigentlich nur eines: das Werk des umstrittenen Komponisten dem israelischen Publikum näherzubringen. Doch es gibt Widerstand.

Der Anwalt Jonathan Livny wühlt in den Unterlagen auf seinem Schreibtisch herum. In seinem Jerusalemer Büro läuft die Walküre von Richard Wagner, von Roberto Paternostro und dem Staatstheater Kassel inszeniert. Unter der Gründungsurkunde seiner Wagner-Gesellschaft zieht er einen Brief hervor. Der Absender ist aus Deutschland: Eine Anwaltskanzlei erkundigt sich, wie hoch der Mitgliedsbeitrag für die von Livny gegründete Gesellschaft ist. Aus Israel kommen ähnliche Briefe. Mit einer einzigen Ausnahme: „Ein israelischer Anwalt schrieb mir, er wolle einen Prozess anstrengen, um den Verein zu verbieten“, erzählt Livny und lächelt.

Über neunzig Mitglieder hat der Verein mittlerweile, seitdem Livny Mitte November die erste Wagner-Gesellschaft Israels registrieren ließ. Die Idee für den Verein hatte Livny, dessen Vater bei der Flucht aus Nazi-Deutschland einige Wagner-Schallplatten mit im Gepäck hatte, seit geraumer Zeit. Das Vorhaben des Dirigenten Roberto Paternostro, mit dem Israel Chamber Orchestra in Bayreuth aufzutreten, und der darauf folgende öffentliche Aufschrei in Israel lieferten dem Anwalt den letzten Grund. „Ich dachte, es reicht“, erzählt er, „es muss doch endlich möglich sein, Politik von Kunst zu trennen.“

Doch dazu scheinen nicht nur die Kritiker von Wagner in Israel unfähig: Neulich erst haben einige israelische Künstler das Theater der Siedlung Ariel in der Westbank bestreikt und ihren Auftritt dort verweigert, um gegen die Siedlungspolitik der israelischen Regierung zu protestieren. Dann machte der ägyptische Schriftsteller Ala Al-Aswani von sich reden. Er widersetzte sich einer Übersetzung seines Bestsellers „Der Jakoubianbau“ ins Hebräische. Der Autor befürwortet nämlich keine „normalen Beziehungen“ mit Israel. Und die englische Band Tindersticks sagte ihr Konzert für Anfang Dezember in Tel Aviv ab, nachdem sie von Organisationen bedrängt wurde, „die uns nahestehen“, wie die Musiker auf ihrer Internet-Seite kryptisch erklären.

„Wo soll das enden?“, fragt Livny aufgebracht. Er sitzt nun kerzengerade in seinem Jerusalemer Büro und wedelt heftig mit den Händen. „Wir müssen endlich eine normale Gesellschaft werden.“ Eine Forderung, mit der er nicht allein steht. Auch Jehohasch Hirshberg erhofft sich von der neu gegründeten Wagner-Gesellschaft einen Beitrag zu mehr Normalität - vor allem im öffentlichen Umgang mit dem Komponisten. Der emeritierte Professor für Musikgeschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem schrieb dem Israel Chamber Orchestra sofort einen Unterstützerbrief, als er von den Reaktionen im Land erfuhr. Endlich müsse die Auseinandersetzung mit Wagner auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene stattfinden, ist Hirshberg überzeugt. Es müsse sich die Einsicht durchsetzen, dass zwischen Wagners antisemitischer Schrift „Das Judentum in der Musik“ und seinem musikalischen Werk Welten liegen. „Ich kann beispielsweise überhaupt keine antisemitischen Referenzen in den Nibelungen finden“, erläutert Hirshberg: „Meine Studenten haben zudem immer viel Interesse mitgebracht, wenn es galt, Wagner und seine Musik zu studieren.“ Und wenn der ein oder andere gefragt habe, wie er sich denn als Jude mit dem Nazi Wagner auseinandersetzen könne, habe er lediglich mit einer Gegenfrage geantwortet: „Wissen Sie überhaupt, wann Wagner gestorben ist?“ Nämlich knapp fünfzig Jahre bevor die Nazis an die Macht kamen.

Zum Wagner-Boykott kam es schon vor der Shoah und bevor es den Staat Israel gab: Im Jahr 1938 beschloss das Palestine Orchestra zum ersten Mal, ein Wagner-Stück zu boykottieren. In den Reihen des Ensembles befanden sich viele jüdische Musiker, die aus Deutschland und Mitteleuropa ins Heilige Land geflohen waren. Hirshberg erzählt: „Die Kristallnacht hatte gerade stattgefunden, und die Nürnberger Rassengesetze waren noch vielen in Erinnerung. Da konnten die Musiker nicht ohne weiteres ,Die Meistersinger von Nürnberg‘ spielen.“ Dessen Ouvertüre stand ursprünglich für Ende November 1938 auf dem Plan. Seitdem gibt es das Gebot, dass jedes Orchester in Israel besser die Hände von Wagner-Werken lässt. Die Verbindung der Familie des Komponisten zum Naziregime sorgte zusätzlich dafür, dass schon das laute Nachdenken über eine mögliche Aufführung zu öffentlicher Aufregung führen konnte.

Nun aber gibt es die erste Wagner-Gesellschaft in Israel, knapp zehn Jahre nachdem Daniel Barenboim beinahe zur Persona non grata erklärt wurde, nachdem er Auszüge aus „Tristan und Isolde“ als Zugabe in Tel Aviv gespielt hatte. Zu den Zielen des Vereins gehört, die Musik Wagners ebenso zu thematisieren wie den Antisemitismus des Komponisten - und seinen Einfluss auf jüdische Kollegen wie Gustav Mahler, Arnold Schönberg oder Ernst Bloch. Vor allem will die Gesellschaft darauf hinarbeiten, dass Wagners Werk in Israel gespielt wird. „Wagner, das ist der Lackmustest für jedes Orchester auf der Welt“, schwärmt Anwalt Livny. Und Professor Hirshberg ist überzeugt: „Das Israel Philharmonic Orchestra in Tel Aviv ist dieser Herausforderung sehr wohl gewachsen.“

Miguel A. Zamorano

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