"Ich bin dazu bereit"

Katharina Wagner im Interview: - Ist das die Vorentscheidung für die Thronfolge? Katharina Wagner, Urenkelin Richard Wagners und Tochter von Festspielchef Wolfgang Wagner, inszeniert erstmals in Bayreuth. Ihr Debütstück: "Die Meistersinger von Nürnberg".

Warum die "Meistersinger" - und warum gerade jetzt?

Die Oper war in Bayreuth einfach wieder mal dran. Mein Vater bot mir das Stück 2004 an, nachdem er meinen "Lohengrin" in Budapest gesehen hatte. Am Abend der Premiere sagte er zu mir: "Ich wollt‘ mal sehen, ob du auch einen Chor bewegen kannst."

Aber mal ehrlich: Bedeutungsbefrachtet ist die Angelegenheit ja schon.

Klar. Wobei man immer mehr hineingeheimnissen kann, als der Sache wirklich zusteht. Da wird vieles aufgebauscht. Wagner inszeniert Wagner, gut, das hat eine Signalwirkung. Ich will aber als Regisseurin anerkannt werden und nicht als Tochter von Wolfgang oder Urenkelin von Richard. Die Nachfolgediskussion hat doch nichts mit der Qualität der Inszenierung zu tun. Ein guter Festspielleiter muss nicht ein guter Regisseur sein und umgekehrt.

Sie gelten eben als deutsche Ersatz-Royals.

Wenn man selber drinsteckt, fühlt man sich ja nicht anormaler als andere Leute. Es ist ein Unterschied, ob jemand die Öffentlichkeit sucht oder ob man in eine solche Familie hineingeboren wird. Ich versuche immer wieder, mir ein Stück weit Privatleben und Normalität zu erhalten. Ich will nicht so enden, dass ich nicht weiß, wie eine Waschmaschine zu bedienen ist.

Warum dann diese Berufswahl? Sie hätten ja auch in einer Bank arbeiten können.

Ich wurde nie zu etwas hingeprügelt. Ich bin mit dem Festspielhaus und den Inszenierungen aufgewachsen. Irgendwann fragte ich mich: Wie würdest du das machen? Regieführen war meine ureigenste Entscheidung.

Wann war denn der Punkt erreicht, an dem Sie sagten: Ich mach‘s?

Mir wurden Regieprojekte angeboten. Ich überlegte immer: Bist du noch zu jung? Irgendwann wusste ich: Wenn du es ewig rausschiebst, machst du es nie. Es ist wie beim Fallschirmsprung. Ich kann nicht immer nur mit dem Flugzeug hoch und drinbleiben. Also besser springen.

Bislang sagten Sie: Wenn die Nachfolgefrage aktuell wird, würde ich eine Teamlösung anstreben. Gilt das noch?

Nicht unbedingt. Ich habe das immer als Möglichkeit betrachtet. Wir reden natürlich jetzt hypothetisch. Ich stelle mich keiner Teamlösung entgegen. Außerdem: Mein Vater kann ja nicht über seine Nachfolge bestimmen. Da gibt es den Stiftungsrat, in dem kann mein Vater noch so oft die Hand heben - er hat nicht die Mehrheit. Ich selber mache mich auch nicht zur Nachfolgerin. Wenn sich die Konstellation ändert, wenn sich die Gesellschafter einigen und ich mit den Bedingungen einverstanden bin, dann bin ich dazu bereit. Ich gehe nicht auf jeden Vorschlag ein, nur damit ich den Titel Festspielleiterin bekomme. Mir geht es einzig und allein darum, die Qualität der Festspiele zu sichern.

Funktioniert Bayreuth nur mit dem Namen Wagner?

Das kann ich so nicht beantworten. Sagen wir es mal so: Wenn kein Wagner für Bayreuth qualifiziert ist, funktioniert Bayreuth garantiert nicht. Dann soll‘s lieber Herr Meier oder Herr Müller übernehmen. Auch wenn die Verbindung Bayreuth-Wagner sicher die attraktivste, wirkungsvollste Lösung wäre.

Bayreuth ist immer noch das Ausnahmefestival, bedingt durch diese "Weihe des Ortes". Wie erhält man das die nächsten hundert Jahre?

Keine Ahnung. Die Sänger schwärmen ja immer von der besonderen familiären Atmosphäre. Sie müssen nicht nur funktionieren, sondern sollen sich wohlfühlen. Das müsste man erhalten.

Aber manche Sänger sind ja gar nicht mehr dabei. Oft wird beklagt, die Crème de la Crème singe woanders. Man denke etwa an Waltraud Meier.

Wir haben dieses spezielle Probensystem. Alle werden gleich behandelt. An manchen Repertoirehäusern ist es doch so, dass die Sänger zwei Tage vor der Bühnenorchesterprobe auftauchen, womöglich ihre eigene Regie mitbringen, und dann muss alles klappen. Das ist in Bayreuth zu Recht nicht gewollt. Wenn dies Sänger nicht akzeptieren, kommen sie für Bayreuth eben nicht mehr in Frage.

Orthodoxe Wagnerianer dürften von Ihren Arbeiten entsetzt sein.

Das stimmt. Das geht so weit, dass zwei alte Damen, die sich jedes Mal eine Premierenkarte kaufen, mich mit dem Regenschirm bedrohten. Ich kriege auch Briefe, in denen steht: "Verschandeln sie unsere ,Meistersinger’ nicht!" Diese falsch verstandene Werktreue ist wohl normal.

Die "Meistersinger" sind auch eine missbrauchte Oper. Das NS-Regime feierte sich damit selbst. Drückt man das bei der Regie weg oder integriert man die Wirkungsgeschichte?

Gerade an einem historischen Ort wie Bayreuth muss man das einbeziehen. Ein Stück ist nicht fertig, wenn es der Komponist weglegt, es hat eine Rezeptionsgeschichte und entwickelt sich weiter. Eben wegen der Bedeutung im "Dritten Reich" muss man die "Meistersinger" besonders befragen.

Liegt dieser Missbrauch im Stück begründet? Oder haben es manche dazu verbogen?

Teils, teils. Die Schlussansprache des Sachs über "heil‘ge deutsche Kunst" und das Reich, das von "welscher Majestät" bedroht wird, ist grundsätzlich problematisch - und wurde durch die Historie noch stärker aufgeladen. Ohne jetzt Details zu verraten: Bei mir bedeutet dieses Nürnberg ein geschlossenes, traditionelles System, das durch Neues "bedroht" wird. Ich zeige einen massiven, abwehrbereiten Raum. Der hat zwar viele Ausgänge, aber nur manche Türen werden benutzt. Der Opernschluss ist musikalisch sehr massiv, daher muss man ihn auch mit einer Massivität zeigen. Dass nun die Leute dem Stolzing als einer Art Rattenfänger hinterherlaufen, kann nicht die Aussage sein.

Sie haben eine relativ jugendliche Besetzung. Franz Hawlata ist nicht der typische Opa Sachs, auch Michael Volle als Beckmesser könnte ein Konkurrent Stolzings werden.

Der Sachs als älterer, weiser Herr, diesen Ansatz halte ich für falsch. Ich nehme auch den Beckmesser nicht als Karikatur, sondern sehr ernst. Und ich möchte einen Interpretationsanstoß geben: Hat Eva vielleicht wirklich was mit Sachs gehabt?

Und wie sieht es mit der Nervosität aus, wenn die Wagnerwelt vom Nord- bis zum Südpol auf Ihre "Meistersinger" schaut?

Ich versuche das, zumindest partiell zu verdrängen. Ich bin sowieso immer bei Premieren wahnsinnig nervös, komischerweise auch bei Kollegen. Da hätte ich gern die Ruhe meines Vaters. Ich darf mir einfach nicht bewusst machen, welcher Druck auf dieser Produktion lastet. Dann müsste nämlich jeder normal Denkende zum Schluss kommen: Warum setzt du dich eigentlich dieser Sache aus? Ich habe einfach was zum Stück zu sagen - und will das auch tun.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Biografisches

Katharina Wagner (Jahrgang 1978) ist das einzige Kind aus Wolfgang Wagners zweiter Ehe. Sie studierte Theaterwissenschaft in Berlin, assistierte unter anderem bei Harry Kupfer und bei ihrem Vater. Ihre erste Regie-Arbeit: Wagners "Fliegender Holländer" 2002 in Würzburg. Vor zwei Jahren inszenierte sie Lortzings "Waffenschmied" am Gärtnerplatz.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare