"Ich bin eher Historiker"

- Er ist einer der größten und einer der umstrittensten Verleger im deutschsprachigen Raum: Herbert Fleissner. Groß, weil seine Verlagsgruppe Langen Müller Herbig mit Firmensitzen in München, Stuttgart, Wien und Luzern 16 namhafte Verlage umfasst. Umstritten, weil der gebürtige Sudetendeutsche in seinem Programm auch Autoren führte wie die von den Nazis gefeierten Wilhelm Pleyer oder Heinrich Zillich, Blut- und Bodenliteratur. Aber Fleissner, der seit 50 Jahren Bücher verlegt, hat auch die Autoren Simon Wiesenthal und Elie Wiesel im Programm, er brachte die Memoiren Willy Brandts heraus, und Stefanie Zweig und Ephraim Kishon haben im Hause Fleissner ihre verlegerische Heimat. Am 2. Juni feiert der Mann der Bücher seinen 75. Geburtstag.

<P>Mit welchem Ziel sind Sie Verleger geworden?<BR><BR>Fleissner : Aus einer Verlegenheit heraus. Ich hatte in Innsbruck das Jura-Studium abgeschlossen, kam nach München und hätte für die Anerkennung weiterstudieren müssen. Die Literatur aus meiner Heimat, dem Eger- und Sudetenland, interessierte mich, und deswegen gründete ich einen Buchclub.<BR><BR>Ihr verlegerisches Credo?<BR><BR>Fleissner : Die Wahrheit und Wirklichkeit darzustellen. Ich bin eher Historiker als Literat.<BR><BR>Sie sind einer der letzten Verleger, der dem klassischen Berufsbild entspricht. Bleibt Langen Müller Herbig im Besitz der Familie?<BR><BR>Fleissner : Ich glaube schon. Ich bin ja Geschäftsführer einer Obergesellschaft. Das Wort Konzern höre ich nicht so gern. Die einzelnen Verlage sind eigenständig im Rahmen einer Föderation.<BR><BR>Gerhard Frey von der rechtsextremen DVU sagte einmal, Sie "hätten sich um die Brechung linken Monopols verdient gemacht". Sehen Sie das auch so?<BR><BR>Fleissner : Das ist eine Formulierung, die man aus dem 68er-Jahr heraus verstehen muss. Was gesellschaftspolitisch nicht relevant war, wurde nicht gedruckt. Das führte zum Beispiel zur Ausgrenzung Knut Hamsuns. Dagegen habe ich mich gewandt.<BR><BR>Sie wurden stets dafür angegangen, dass Sie Bücher mit rechtsextremen Tendenzen verlegten . . .<BR><BR>Fleissner : Was heißt schon rechtsextrem. Ich habe den Vertriebenen ihre Heimatliteratur zurückgegeben. <BR><BR>Wie ließ es sich mit solchen Vorwürfen leben?<BR><BR>Fleissner : Das hat mich nicht erschüttert. Die Angriffe hatten Signalwirkung: Sie brachten mir sogar wirtschaftlichen Erfolg.<BR><BR>Sie zogen sich immer auf die Position der Meinungsvielfalt zurück. Fühlten Sie sich als der bessere Demokrat?<BR><BR>Fleissner : Ich mag solche Wertungen nicht. Ich bin Realist, nicht einmal Idealist. Ich wollte die Terminologie dieser Bücher nicht der Zensur unterwerfen. Aus ihr aber wurden Angriffe gegen mich konstruiert.<BR><BR>Welche Bücher haben Sie als Verleger abgelehnt?<BR><BR>Fleissner : Das Buch eines Kriminellen, der Gewalt verherrlicht. Kiepenheuer & Witsch hat es dann gemacht. Fast abgelehnt hätte ich "Die Schwabenkinder", die ein Erfolg wurden. Das tragische Schicksal von Kindern - da habe ich meine Sentimentalitäten, wo doch die Welt schon mit vielen Problemen behaftet ist.<BR><BR>Was ist Ihr Lieblingsbuch?<BR><BR>Fleissner : Es erschien 1936 im Insel Verlag und hieß "Deutsche Reden und Rufe". Das könnte man wieder entsprechend deuten.<BR><BR>Sie haben die Vorwürfe immer auf sich sitzen lassen.<BR><BR>Fleissner : Was soll man auch dagegen machen? Dementis verstärken doch nur den Eindruck. Was mich mit Ephraim Kishon seit unserer ersten Begegnung verbunden hat, ist Patriotismus. Das war dem Meinungsmonopol der 68er ein Femewort. Für uns war "Dienen" noch ein Maxime.<BR><BR>Wem dienen Sie?<BR><BR>Fleissner : Der Vorstellung, dass man mehr ist als nur ein Einzelner. Die Schicksalsgemeinschaft der Vertriebenen war ein Schlüsselerlebnis.</P><P><BR>Das Gespräch führte Christine Diller <BR></P>

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