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Steven Scharf feiert am Mittwochabend mit dem Monolog „Judas“ von Lot Vekemans Premiere am Schauspielhaus.

Interview mit dem Schauspieler Steven Scharf

„Ich glaube an die Kunst“

München - Steven Scharf, 1975 in Thüringen geboren, gehört seit 2007 zu den Top-Männern des Münchner Kammerspiele-Ensembles und zu dem raren Typus von Bühnenkünstler, der stets die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Er ist präsent, obwohl er nie versucht, seine Kollegen an die Wand zu spielen. Scharf, der in seinem Repertoire den antiken Helden ebenso hat wie die schräge Jelinek-Figur, steht ab heute in dem Ein-Personen-Drama „Judas“ von Lot Vekemans auf der Bühne des Schauspielhauses. Regie führt Johan Simons. Steven Scharf nahm sich noch kurz vor der Premiere für uns Zeit.

-Ist es komisch, in der Weihnachtszeit eine Figur zu spielen, die ganz eng mit Ostern verknüpft ist?

(Lacht.) Da ich durch meine Erziehung weder mit Weihnachten noch Ostern irgendwas Bewegendes verbinde, ist mir das eh wurscht. Ich kann das Stück gar nicht als religiöse Geschichte lesen: So ist sie bei mir nicht angedockt.

-Es ist aber ein religiöses Motiv.

Ja. Ich kann es allerdings nur mit einer anderen Ebene von Glaube und Zweifel verbinden, die ich im Osten – ich bin da aufgewachsen – erlebt habe. Der sehr irdische Kampf von Judas ist absolut vergleichbar mit der Situation dort. Es geht um eine ausgesprochen weltliche Angelegenheit. Seine Suche nach Klarheit – dafür empfinde ich viel Sympathie.

-Judas will politisch wirken und hofft, dass Jesus aktiv wird.

Durchaus. Und er schreibt Jesus, den er sehr, sehr liebt, fast übermenschliche Fähigkeiten zu. Das ist ein toller Aspekt an dem Stück, wie Judas ihn packen will, damit er auf der Erde bleibt – und ihn gerade dadurch tötet, also von der Erde verschwinden lässt. Da steckt eine große Tragik drin, die mich an Büchner denken lässt, wenn er im „Danton“ sagt: Was ist in uns, das so Schlimmes tut?

-Am Ende hat man das Gefühl, dass Jesus und Judas gemeinsam auf der Bühne stehen.

Haben Sie das beim Lesen so empfunden?

- Jesus wird immer präsenter.

Das geht mir auch so. Das ist ein schöner Gedanke. Dieser Jesus bekommt etwas Greifbares, weil Judas ja derjenige ist, der Zeugnis ablegen kann: Es war dabei.

-Allein auf der Bühne – wie viel Fracksausen hat man da?

Das ist schon aufregend – weil es sehr anders ist als sonst. Aber es geht nicht um mich. Klar, das ist nichts Neues. Gerade jetzt, wenn ich alleine auf der Bühne stehe, wird mir das doch noch deutlicher: Ich bin Teil einer Inszenierung. Von Anfang an war unsere Idee, unsere Sehnsucht, sage ich mal, dass das nicht einer dieser Schauspielerabende wird: Ein Schauspieler macht einen Monolog – wie entwickelt er den? Da würde ich Beklemmungen kriegen.

-Sie sind ein treues Kammerspiele-Ensemblemitglied, keiner, der von Projekt zu Projekt durch die Lande springt. Warum?

Aber das sind doch viele hier! Das hat nichts damit zu tun, möglichst lange an einem Haus zu bleiben. Das hat für mich mit diesem Haus, mit diesem Ensemble zu tun und mit diesem Intendanten und diesen Regisseuren, mit denen ich hier arbeite. Ansonsten hat das keinen ideologischen Hintergrund. Ich weiß nach rund zehn Jahren in diesem Beruf, dass Ensemble eine Vision ist, die nur im Konkreten aufscheint.

-Gibt das Ensemblegefühl Sicherheit für so einen Soloabend?

Vielleicht eine bestimmte Energie, mit der man auf die Bühne geht. Eben mit der Haltung des „Es geht nicht um mich“, mit einer gewissen Demut.

-Judas ist nicht gerade ein Sympathieträger...

Gerade das ist so schön...

-...aber Sie müssen in dem Stück ganz schön mit dem Publikum flirten?

Das ist in unserer Inszenierung nicht der Fall. Wir versuchen, gerade diese Teile musikalisch zu nehmen. Wir steuern eher auf die Klarheit der Person hin als darauf, Reaktionen beim Publikum zu provozieren. Im Vordergrund steht, heute Zeugnis abzulegen. Mögen oder Nicht-Mögen – das ist egal. Judas hat nichts mehr zu verlieren. Er will sich nicht entschuldigen. Der Text möchte, dass man etwas versteht, das man danach in sich selbst wiedererkennt.

-Das Ich, die eigenen Ideen und der Glaube an das Unglaubliche sind Themen von „Judas“. Sie stammen aus einem nicht-gläubigen Umfeld, aber werden nun mit Glaube konfrontiert. Überlegt man dann, ob der christliche Glaube für einen wichtig sein könnte?

Steven Scharf beim Interview mit Feuilletonredakteurin Simone Dattenberger in der Kammerspiele-Kantine.

Natürlich habe ich die Texte im Neuen Testament gelesen. Das jedoch aus einem rein literarischen Interesse. Mich drängt dieses Stück überhaupt nicht zum christlichen Glauben. Und Judas ist kein Christ, wie man sich heute einen Christen vorstellt. Dieser Judas würde sich nicht freuen, seinen toten Freund am Kreuz zu sehen – in der Kirche. Mich bewegt diese Freundschaft, in der viel Glaube steckt. Aber genauso das Sich-Aufopfern für eine Idee. Mich beschäftigt das, weil ich in eine Gesellschaft hineingeboren wurde, die zusammengestürzt ist. An der Bruchkante kann man die Struktur erkennen. Ich kenne viele Menschen zuhause in Thüringen,  denen  das ins Gesicht geschrieben steht. Was die mit sich ausmachen mussten, als alles zusammenbrach – das war schließlich ihr Leben.

-Sind durch unsere Auseinandersetzung mit dem Islam und dem Islamismus Fragen nach unserer Religiosität wieder stärker ins Zentrum gerückt?

Ich spüre, dass man sich erschrocken umkuckt und denkt, man hat etwas verloren. Ich habe das Gefühl, dass manche mit gesenktem Kopf zurückgehen und meinen, ich habe etwas verloren. Weil wir andere sehen, die – manchmal mit gezogenem Schwert – vor uns stehen und das noch besitzen. Mir ist dieses Gefühl total fremd.

-Sie sind also der Typus Mensch, der das Religiöse verloren hat? Mit Religion verbinden sich aber Traditionen und Kulturen.

Ich spüre keine Leere. Das, was ich von meinen Großeltern vom Christentum mitbekommen habe, verbinde ich mit Liebe, einer Wärme, Poesie – vielleicht mit etwas, was über unser Leben hinausgeht, was uns am Leben erhält. Dass da noch etwas dahinter liegt. Das ist in meinem Dasein schon vorhanden: Dafür habe ich die Kunst – und bin dankbar. Ich glaube an die Kunst. Ich glaube, dass meine Kunst Leben retten kann.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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