"Ich habe keinen Pakt mit dem Teufel"

München - Er ist ein Dirigent, der auf schnörkellose, uneitle und temperamentvolle Weise ein Riesenrepertoire von Bach bis zur Moderne abdeckt. Zudem ist ihm zu verdanken, dass die Frankfurter Oper in seiner Amtszeit als Direktor von 1977 bis 1987 zu einem Haus wurde, in dem stilbildende Produktionen herauskamen, die bis in die Gegenwart nachwirken. Der 80-Jährige wird heute in München für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Theaterpreis "Der Faust" geehrt.

-Ein Dirigent bekommt einen Theaterpreis. Begreifen Sie sich oft eher als Theatermann?

Nein. Aber für einen Musiker ist es eine wunderbare Gelegenheit, sich anders zu bilden, wenn er Opernchef wird. Früher füllten Generalmusikdirektoren dieses Amt aus, später verlagerte sich das auf die Regisseure.

-Kommt Dirigenten manchmal das Bewusstsein für die Bühne abhanden?

Das dürfen Sie mich nicht fragen. Je berühmter die Leute sind, desto weniger gehen sie zu Proben. Riccardo Muti war bei einer Salzburger Mozart-Inszenierung von Ursel und Karl-Ernst Herrmann bei keiner einzigen Probe. Und als die Inszenierung fertig war, sagte er: Das passt mir nicht, ich dirigiere nicht. So was Unproduktives kann man leicht verhindern. Gerade Rezitative bei Mozart müssen sich in Tempo und Diktion nach der Regie richten. Ich hatte an der Berliner Staatsoper zweimal Inszenierungen abgesagt, einmal aus Gesundheitsgründen. Bei der "Macht des Schicksals" war es dagegen anders: Dieses Stück wollte ich unbedingt dirigieren. Da habe ich eben die Ansichten des jungen Regisseurs akzeptiert, obwohl ich nicht seiner Meinung war.

-Sie sagten einmal, dass Sie sich mit jüngeren Regisseuren immer weniger verstehen. Woran hakt es?

Daran, dass ich alt bin und die jung. Der Trend von begabten, fantasievollen, jungen Regisseuren ist, ein Stück zu erfinden, das auf eine Oper draufzustülpen und dann ihre eigene Geschichte zu erzählen. Das hat nicht mehr viel mit dem zu tun, was auf dem Theaterzettel angekündigt wird. Deshalb habe ich mich von der Oper zurückgezogen. Davon abgesehen wirkt einiges zusammen: Opern sind lang, ich muss stehen beim Dirigieren - mit 80 kann man sich nicht mehr alles zumuten.

-Geraten auch Dirigenten in die Gefahr, dass sie sich zu sehr selbst verwirklichen?

Ich habe mal gegen Furtwängler polemisiert, der Musik stets poetisiert hat. Ich bin eben von der Gegenpartei, von der Toscanini-Schule. Die Trennung fing ja schon viel früher an. Wagner hat etwa im "Meistersinger"-Vorspiel viele Tempowechsel gefordert, Mendelssohn wollte mit einem Tempo verschiedene Charaktere hervorbringen. Bei Beethoven etwa schwebt mir Letzteres vor.

-Wenn immer dasselbe Repertoire wiederholt wird, könnte man als Dirigent aber dazu verführt sein, sich durch Extravaganzen abzuheben.

Heutzutage kann man eher dadurch glänzen, dass man der Partitur treu bleibt.

-Gibt es Stücke, bei denen Sie sagen: Die sind mir durch die Lappen gegangen?

Gewiss. Tschaikowskys "Pique Dame". Den jungen Mozart, manche Verdis oder Puccinis. Aber ganz ehrlich: Man muss nicht alles haben.

-Ihre Frankfurter Zeit war auch durch ein starkes Sängerensemble geprägt. Entwickelt sich das Opernwesen, das herumreisenden Stars huldigt, wieder dahin zurück?

Es wäre zu hoffen, dass es Sänger gibt, die nicht auf die schnelle Karriere per Flugzeug setzen, sondern zusammen mit anderen stilbildende Arbeit leisten. Dazu ist allerdings ein Generalmusikdirektor nötig, der am Platz bleibt. Diese Entwicklung könnte sich ganz natürlich und zwangsläufig ergeben: wenn die Opernhäuser bald kein Geld für die Stars mehr haben.

-Andererseits bietet das Starwesen auch einen Werbe-Effekt.

Viele rennen aber dann zu den Events. Die sind weder an der Musik, noch am Drama, noch am Ensemble interessiert.

-Sie bekommen den "Faust". Haben Sie irgendetwas mit dem Namensträger gemeinsam?

Die Nachdenklichkeit (lacht). Ich habe keinen Pakt mit dem Teufel. Und ich weiß nicht, ob mich das Weibliche hinanziehen wird. Ich fühle mich einfach sehr geehrt, dass ein Musiker ausgewählt wurde.

"Der Faust"

Zum zweiten Mal wird heute der Deutsche Theaterpreis "Der Faust" verliehen. 24 Regisseure, Sänger, Schauspieler, Tänzer, Choreographen und Ausstatter sind nominiert. Die Preise werden während der Gala im Prinzregententheater bekannt gegeben. Hoffnungen machen können sich Regisseur Stephan Kimmig ("Maria Stuart", Hamburg), Schauspielerin Brigitte Hobmeier ("Glaube, Liebe, Hoffnung", Münchner Kammerspiele) und Sängerin Angela Denoke ("Salome", Bayerische Staatsoper).

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