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„Ich führe heute kein aufregendes Leben“: Marianne Faithfull (67) hat gerade ein neues Album veröffentlicht.

Interview zum Konzert

Faithfull: "Ich habe meinen Ruhm überlebt"

München - Vor 50 Jahren, mit zarten 17, startete Marianne Faithfull mit „As Tears Go By“ ihre Popkarriere. Es folgten Hochs und Tiefs, eine Beziehung mit Rolling-Stones-Frontmann Mick Jagger, Drogen- und Alkoholsucht und 1979 ein großartiges Comeback.

Die britische Rock-Legende Marianne Faithfull über ihre Sucht, Ulrike Meinhof und über ihr neues Album

2006 wieder ein Rückschlag – Diagnose Brustkrebs. Doch Marianne Faithfull kehrte abermals zurück, diesmal als gefeierte Schauspielerin in „Irina Palm“. Heute lebt die 67-jährige Grande Dame der britischen Musikszene zurückgezogen in Dublin und Paris. Nach einem Hüftbruch kommt sie Mitte November mit Stock und neuem, buntem Album (siehe CD-Tipp) nach München. Zuvor sprachen wir mit ihr in Paris.

-Wenn Sie an Amy Winehouse oder Whitney Houston und deren Schicksale denken: Danken Sie Gott, dass Sie noch am Leben sind?

Natürlich. Ich bin unglaublich dankbar und stolz darauf, meine Sucht und Berühmtheit überlebt zu haben.

-Ihre Berühmtheit?

Ich denke, die genannten Schicksale haben viel mit Ruhm zu tun. Ruhm ist eine sehr gefährliche Sache. Der Druck, der auf Whitney Houston lag, war riesig. Zu groß für sie. Auch für Amy Winehouse.

-War der Druck auch Auslöser für Ihre Sucht?

Ich war eher die klassische Süchtige. Ich wünschte echt, ohne dieses Ding in mir geboren worden zu sein. Aber natürlich spielt auch immer der Stress eine Rolle, auf der Bühne oder im Fernsehen vor Millionen von Menschen zu stehen. Da muss ich noch heute cool bleiben. Ich habe gelernt, den Ruhm, das Gegaffe Fremder auszublenden. Einige sehen es ja gerne, wenn du als Star desaströs endest. Ich habe dieses Schicksal nicht erlitten und auch nie akzeptiert.

-In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, dass Sie sich mit Ulrike Meinhof identifizieren können. Mit einer Terroristin?

Ja, das kann ich. Natürlich nicht mit dem Terror. Aber ich verstehe ihre Wut, obwohl ich meinen Zorn anders verarbeitet habe. Ulrike Meinhof hatte diesen tief sitzenden Schmerz von klein auf, soweit ich da richtig informiert bin, weil sie eine unerfreuliche Kindheit hatte. Sie war eine Inspiration für meinen Song „Broken English“. Ich denke, sie ist eine sehr tragische Figur. Ich bin auch mit viel Wut aufgewachsen: Als mich meine Mutter zur Klosterschule schickte, war ich geschockt. Du kannst diese Wut dann an der Gesellschaft auslassen wie Meinhof oder sie gegen dich selbst wenden. Letzteres tat ich. Ich habe mich mit Drogen zerstört. Aber ich stehe dazu.

-Ihre Stimme ist im Gespräch fast noch fantastischer, noch rauer als auf CD.

Oh, danke.

-Ist das auch ein Ergebnis Ihres exzessiven Lebens?

Ich vermute schon, aber ich weiß es nicht genau. Das ist kein Thema, über das ich nachdenke. Es ist einfach meine Stimme. Wenn Sie mein Leben darin hören, dann ist das sicher nicht falsch.

-Nach den Drogen kam der Krebs. Auch den haben Sie besiegt. Das klingt nach starker Willenskraft.

Das hat mehr mit Glaube und Hoffnung zu tun. Ich denke nicht, dass man nur mit Willenskraft Drogen und Krebs bekämpfen kann. Mit dem Krebs hatte ich Riesenglück. Die Ärzte haben ihn sehr früh entdeckt. Gott sei Dank.

-Um Drogen geht es auch im wundervoll traurigen Song „Late Victorian Holocaust“ – ein Höhepunkt Ihres neuen Albums.

Ist das nicht ein tolles Lied? Nick Cave hat es für mich geschrieben. Extra für mich! Darauf bin ich unfassbar stolz. Es geht in dem Lied um das schön-schreckliche Junkie-Leben in London. Die Golborne-Road in Notting Hill war damals das Zentrum, und ich schätze mal, ich bin die einzige von Nicks Freundinnen, die diesen Song glaubhaft singen kann.

-Wie leben Sie heute?

Sehr ruhig. Und so gesund wie möglich. Es ist kein aufregendes Leben, aber ich liebe es, und bin glücklich damit. Ich mache Yoga, meditiere, trinke nicht mehr, nehme keine Drogen mehr und gebe mir jeden Tag Mühe, dass das so bleibt. Ich muss da dauernd aufpassen. Und jetzt habe ich es auch endlich geschafft, mit dem verdammten Rauchen aufzuhören.

-Sie hören die Frage nicht gern. Aber haben Sie noch Kontakt zu Mick Jagger oder Keith Richards?

Nicht zu Mick Jagger. Doch ich respektiere ihn und bin dankbar für die gemeinsame Zeit. Mit Keith bin ich dagegen noch in Kontakt, vor allem über seine Managerin. Ich weiß, wo er ist, und umgekehrt.

-Jetzt kommen Sie wieder nach Deutschland.

Deutschland ist einer meiner liebsten Plätze. Ich habe dort ein gutes Publikum, das meine Arbeit versteht und mich schätzt. Von Anfang an. Ich fühle mich bei Ihnen sehr wohl.

-Sie haben österreichische Wurzeln. Wie gut kennen Sie Deutschland?

Sehr gut. Als Teenager, bevor ich entdeckt wurde, war ich in München, aber auch in Österreich, also in Salzburg und Wien. Seit meinem Karrierestart vor 50 Jahren arbeitete ich als Musikerin immer wieder in Deutschland.

Das Gespräch führte Marco Mach.

Konzert

am 15. November im Circus Krone; Telefon 089/ 54 81 81 81.

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