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Der Mütze und der Aktentasche entwachsen: Christian Springer, Träger des diesjährigen Bayerischen Kabarettpreises, will sich von der Figur des „Fonsi“ lösen.

„Ich habe schon immer gerne opponiert“

München - Kabarettist Christian Springer erhält den Bayerischen Kabarettpreis - und spricht im Merkur-Interview über den Nockherberg-Skandal, Politiker ohne Rückgrat, die Menschen in Syrien und das Ende von „Fonsi“.

Er füllt als „Fonsi“, Kassenwart des Schlosses Neuschwanstein, landauf, landab die Säle, doch seine Bühnenprogramme wie aktuell „Jetzt reicht’s – leider nicht für alle!“ sind nur ein Teil seines Schaffens. Christian Springer – Nomen est omen – tanzt auf vielen Hochzeiten. Der 48-Jährige macht(e) Radio („Stirningerman“, „Heinzi und Kurti“), Fernsehen („Nix für ungut“), moderierte den „Aschermittwoch der Kabarettisten“, spielt(e) im „Tatort“, schreibt Bücher. Am kommenden Montag erhält der gebürtige Münchner, der mit dem Trio „Kabarett Fernrohr“ an der Seite von Helmut Schleich und Andreas Rüttenauer früh einem großen Publikum bekannt wurde, den Bayerischen Kabarettpreis.

Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Ihn zu bekommen, hat mich schon narrisch gefreut, weil er mich schon lange begleitet hat – als Autor (1999 bis 2002, Red.), als Laudator (auf Ottfried Fischer im Jahr 2011) und natürlich als Zuschauer.

Sie haben bereits als Schüler Kabarett gemacht...

Ich habe halt schon immer gern opponiert. Und ich wollte auf die Bühne. An meinem Münchner Gymnasium gab es eine Theatergruppe, da fand ich die Schüler blöd und den Lehrer auch, da hab’ ich zu meinem Banknachbarn gesagt: Weißt was, wenn die ihre Theateraufführung machen, dann machen wir eine Gegenveranstaltung. Und das haben wir dann auch getan. Übrigens ist dieser Banknachbar später ins Kloster gegangen.

Sie wollten anecken – und sind angeeckt! Eine Vorstellung des „Kabarett Fernrohr“ mit dem Programm „Die geile Messe“ in Ebersberg wurde von massiven Protesten begleitet...

Ja, das war ein kirchenkritisches Programm. Aber letztlich waren wir nur Mittel zum Zweck. In Ebersberg war damals gerade Kommunalwahlkampf, die haben uns benutzt. Bei der Premiere in München hat sich kein Mensch aufgeregt.

Aber die Sache zog dann doch weite Kreise...

Weil sich das Fernsehen drangehängt und jeder gemeint hat, er müsse auch noch was dazu sagen.

Ganz ehrlich – haben Sie nicht ganz gerne manchmal einen Skandal?

Im Grunde meines Herzens – nein! Es wird einem nur gerne unterstellt, man wolle einen Skandal provozieren, um Schlagzeilen zu haben. Aber das ist Käse. Für den Skandal sorgen immer die anderen, nie man selbst. Jedenfalls nicht mit Kabarett.

Womit sonst?

Da müsste ich schon auf der Bühne einen BMW zersägen, in dem angekettet der neue Trainer des FC Bayern München sitzt.

Träumen Sie von so etwas?

Nein, nur, wenn ich in meinem Sechzger-Schlafanzug schlafe. (Lacht.)

Auch Ihr Engagement als Co-Autor der Fastenpredigt auf dem Nockherberg endete vor drei Jahren mit einem Eklat. Haben Sie und Michael Lerchenberg da vielleicht auch Fehler gemacht?

Die Stelle, die aus dem Kontext herausgenommen und uns vorgehalten wurde, der sogenannte KZ-Vergleich, die würden wir tatsächlich heute anders schreiben. Aber dass der Bruder Barnabas, wie ihn Michael Lerchenberg gespielt hat, nicht mehr gewollt war, das stand fest. Und hätte es diese Stelle nicht gegeben, hätte man sicher eine andere gefunden.

Was war dann aus Ihrer Sicht der wahre Grund, Sie loswerden zu wollen?

Die mangelnde Souveränität bei der jüngeren Politikergeneration. Ein Edmund Stoiber saß über 25 Jahre lang am Nockherberg und war begeistert, auch wenn er jedes Jahr richtig einen auf den Dez bekommen hat. Politiker vom Kaliber eines Guido Westerwelle rennen hinterher zum großen Bruder und jammern: „Der hat mich gehauen!“ Da vermisse ich schon a bisserl das Rückgrat.

Heißt das, dass die Fastenprediger nicht mehr das machen dürfen, was sie noch zu Zeiten von Stoiber oder gar Strauß machen durften?

Dürfen schon, es findet ja vonseiten der Paulaner-Brauerei keine Zensur statt. Es ist einfach ein Konsens da, Milde walten zu lassen. Aber die Leute wünschen sich Schärfe, und ich wünsche sie mir auch.

Haben Sie das der derzeitigen Fastenpredigerin Luise Kinseher schon gesagt?

Ja. Und ich darf das auch, wir kennen uns seit der Studentenzeit.

Liebäugeln Sie etwa mit einer Rückkehr auf den Nockherberg?

Sagen wir so: Wenn Edmund Stoiber wieder Ministerpräsident ist und die Sechzger wieder in der ersten Liga spielen, dann würde ich’s mir überlegen. (Lacht.)

Ihre populäre Figur des „Fonsi“ ist ein liebenswerter Grantler. In letzter Zeit sind Sie aber immer wieder einmal demonstrativ aus dieser Rolle herausgetreten und haben Politiker frontal attackiert. Was hat Sie dazu bewogen?

Der „Fonsi“ ist eine volkstümliche Figur, mit der man die Dinge sehr gut aus der Perspektive des kleinen Mannes betrachten kann. Aber ich werde mich von ihr lösen, ich werde in meinem nächsten Programm die alte Uniform ablegen und als Christian Springer auf der Bühne stehen. Die Zeiten sind ernster geworden.

Sie lassen den „Fonsi“ sterben?

Nicht ganz. Auf der Wiesn wird er weiterleben, aber auf der Kabarettbühne bin ich der Mütze und der Aktentasche entwachsen. Ich kann nicht ständig von allen Menschen vom Politiker bis zur Kindergärtnerin verlangen, dass sie sich ändern, und ich selbst ändere mich nie.

Schon fast genauso bekannt wie als Kabarettist sind Sie in München als Anwalt der Menschen in Syrien.

Seit 1986, als ich das erste Mal dort war, lässt mich dieses Land nicht mehr los, deswegen war für mich klar, dass ich helfen muss, als das Flüchtlingsdrama begann. Vor ein paar Tagen war ich nach langer Zeit wieder einmal auf syrischem Boden, das war ein bewegender Moment.

Wie haben Sie das Land und die Menschen dort angetroffen?

Man kann nicht durchs Land reisen, ich habe mich nur wenige Meter hinter der Grenze aufgehalten, in einem Flüchtlingslager für 10 000 Menschen, das die Uno eingerichtet hat. Es gibt dort nicht genug zu essen, es gibt nicht genug Trinkwasser, Leute, die früher Häuser hatten, die ihre Kinder schön angezogen und zur Schule geschickt haben, die leben im tiefsten, tiefsten Elend. Und man kommt mit Hilfsgütern dort an und weiß sofort, dass das, was man mitgebracht hat, vorne und hinten nicht reicht.

Kabarettisten, die nicht nur reden, sondern handeln – für Sie ein Beispiel, das Schule machen sollte?

Ich verlange von niemandem, dass er sich sozial engagiert – abgesehen davon werde ich von Kollegen wie Monika Gruber, Christoph Süß oder Wolfgang Krebs sehr unterstützt. Ich verlange allerdings öffentliche Aufmerksamkeit für Syrien. Jeden Tag hört und liest man etwas vom Konflikt dort unten, drei Flugstunden von München entfernt, aber dass wir es auch mit einer humanitären Katastrophe zu tun haben, geht leider unter. Mir hallen die Sätze der Flüchtlinge noch im Ohr: „Wir beten jeden Tag zu Gott, dass er uns ein Erdbeben schickt, dann hätten wir morgen Hilfe, aber leider haben wir nur einen Krieg.“

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

Der Kabarettpreis

geht außer an Christian Springer (Hauptpreis) an Andreas Rebers (Musikpreis), Max Uthoff (Senkrechtstarter) und an Konstantin Wecker (Ehrenpreis). Verleihung ist am Montag, 15. Juli, ab 20.30 Uhr im Münchner Lustspielhaus, eine Aufzeichnung des Abends sendet das Bayerische Fernsehen am kommenden Freitag, 19. Juli, ab 22.15 Uhr.

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