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Franz Xaver Kroetz: „Das Theater interessiert doch in diesem Land keine Sau mehr. Für wen braucht es dann ein politisches Stück?“

Interview

Franz Xaver Kroetz: „Ich habe unter Kroetz gelitten“

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München - Franz Xaver Kroetz über seinen 70. Geburtstag, die Schriftstellerei, Baby Schimmerlos und das Theater

Franz Xaver Kroetz ist ein wunderbarer Gastgeber. In seinem Häuschen im Münchner Westen hat der Autor, Regisseur und Schauspieler Kaffee und Kuchen vorbereitet, am Ende dieses Nachmittags kommen seine Lebensgefährtin, seine älteste Tochter und sein erstes Enkelkind dazu. Heute feiert Kroetz 70. Geburtstag – das Jubiläum bietet auch Anlass zur Rückschau auf ein umfangreiches schriftstellerisches Werk. Deshalb liegen beim Interview einige von Kroetz’ frühen Publikationen auf dem Tisch.

In Ihren Büchern haben Sie sich immer auch an Utopien abgearbeitet.

Tut mir Leid, aber ich erinnere mich nicht, was in den Büchern steht. Das ist vorbei und interessiert mich einen Scheißdreck. Ich würde Schriftsteller verachten, die sagen: „Das ist 30, 40 Jahre her, aber ich weiß genau, was da steht.“ Ja, haben die nicht gelebt? Nichts erlebt? Ich habe unter Kroetz mein Leben lang gelitten – und seit zehn Jahren habe ich manches aufgegeben. Das ist kein Lebensverlust.

Das können Sie so bestimmt sagen?

Mühelos! Neulich habe ich mit meinem Mitarbeiter etwas nachgeschaut in einem Mordshaufen von Manuskripten, die ich habe…

… und Vergessenes entdeckt?

Etwa 30 Prozent von dem, was ich geschrieben habe, ist veröffentlicht. Von diesen 30 Prozent sind gut zehn Prozent in einer gewissen Zeit einer breiteren Schicht von Literaturinteressierten zugänglich gewesen. Heute gibt es meine Bücher in keiner Buchhandlung; es hat sie zum großen Teil auch nie gegeben – im Gegensatz zu vielen anderen Autoren, die ihr Leben lang mit dem Feuilleton gut zurechtkamen und bis heute gut wahrgenommen werden.

Was war bei Ihnen anders?

Bei jeder Premiere habe ich mich geduckt und mir gedacht: Hoffentlich geht die Scheiße – sprich: die Kritiken – bald vorbei, dann geht’s wieder irgendwie weiter. Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre hieß es in der Theaterkritik: Alles ist recht, nur vor diesem Kroetz, vor diesem Baby Schimmerlos, müssen wir das Theater retten.

Die Rolle als Klatschreporter in Helmut Dietls „Kir Royal“ hat Sie weit über die Theater- und Literaturszene hinaus berühmt gemacht.

Ich habe unter dem Ungleichgewicht der beiden Transmissionsriemen Schauspieler und Schriftsteller gelitten. Der Erfolg von Baby Schimmerlos hat den Autor Kroetz in den Abgrund gerissen.

Haben Sie deswegen mit Ihrem Werk abgeschlossen?

Es gibt überhaupt keinen Grund, dass ich mich mit diesem alten Scheiß beschäftige. Es kennt ihn niemand. Mir begegnet kein Mensch, der sich noch an eine Theateraufführung erinnern kann, und mir begegnet schon gar kein Mensch, der jemals eine Zeile von mir gelesen hat.

Was interessiert Sie heute?

Ein schöner Tag, ein Spaziergang im Nymphenburger Park.

Vor vier Jahren saßen wir hier und haben über Ihre neuen Gedichte gesprochen…

(Laut.) Ja, schauen Sie: Die hat man bis heute nicht veröffentlicht.

Was glauben Sie, woran das liegt?

Das weiß ich nicht! Soll ich sie Ihnen schenken?(Verlässt das Zimmer, ruft noch mehrere Male: „Ich weiß es nicht!“, kommt mit einer CD-Rom zurück.)  Da sind sie drauf, zusammen mit Fotos. Bis heute ist es nicht gelungen, einen Verlag zu finden. Seit zehn, 15 Jahren gibt es den Schriftsteller Kroetz nicht mehr.

Können wir uns dennoch darauf einigen, dass einige Ihrer Stücke zum Kanon des Theaters gehören?

Das sicher. Ich bin mein Leben lang ein notorischer Querschläger gewesen. Ich bin selten jemandem in den Arsch gekrochen. Mich hat eigentlich die gesamte Kulturszene immer angekotzt – und das habe ich raushängen lassen. Möglicherweise hat das eine Gegenbewegung hervorgerufen und die haben gesagt: Der notorische Querschläger kann uns mal kreuzweise.

Ist Ihnen auch wurscht, dass David Bösch jetzt am Residenztheater Ihr Stück „Mensch Meier“ inszeniert hat?

In dem speziellen Fall habe ich mich gefreut. Ich freue mich über jede Aufführung, die gemacht wird. Das ist doch klar. Aber Theateraufführungen sind etwas anderes als Bücher. Es gibt immer noch Theatergänger – gerade in München kann ich mich da nicht beschweren. Das läuft gut – hat mit mir direkt aber nichts zu tun.

Was soll mit Ihrem Werk – veröffentlicht oder nicht – geschehen, wenn Sie eines Tages nicht mehr sind?

(Lange Pause, nur das Ticken der Wanduhr ist zu hören.) Es gibt nach wie vor dieses sehr umfangreiche Tagebuchwerk. Das kann man zehn Jahre nach meinem Tod veröffentlichen. Da ist die Frage, ob das dann überhaupt noch relevant ist.

Wäre das, was gesellschaftlich und politisch derzeit in Europa passiert, nicht Thema für das Theater?

Das ist doch absurd, was Sie jetzt sagen. Das Theater interessiert doch in diesem Land keine Sau mehr. Für wen braucht es dann ein politisches Stück? Für diese selbstversessenen, netten Tänzchen, die aufgeführt werden? Das Theater hat längst verschissen als Medium mit gesellschaftlicher Relevanz. Außerdem hat mich Theater nie interessiert. Das Stückeschreiben hat mich interessiert. Das Theater war eine Folge davon.

Sie haben vor Ihrem 65. Geburtstag Philip Roth zitiert: „Alter ist ein Massaker.“ Hat sich daran in den vergangenen fünf Jahren etwas geändert?

Also aufwärts geht’s nicht. Es geht abwärts.

Sie machen mir keine Hoffnung.

(Resigniert.) Es wird nicht besser, Herr Schleicher. Es wird nicht besser.

Bedeutet Ihnen der 70. Geburtstag etwas?

Nein, das ist so lächerlich. Voriges Jahr bin ich 69 geworden, jetzt werde ich 70. Wo ist der Unterschied? Ich werde älter, aber es hat keine Bedeutung: Es ist nichts passiert. Sehr viel interessanter war, als ich vor zehn Monaten zum ersten Mal Großvater geworden bin.

Würden Sie mir zum Abschluss Ihre Bücher signieren, auch wenn sie für Sie keine Rolle mehr spielen?

(Immer lauter.)  Wenn eines von diesen Büchern heute noch in einer Buchhandlung stehen würde. Wenn eines von diesen Büchern heute noch irgendwo auf einem Nachtkastl wäre. (Schreit.) Wenn eines dieser Bücher in irgendeinem Kopf noch irgendeine Rolle spielen würde – dann würden sie eine Rolle bei mir spielen. (Wieder ruhiger.) Da sie aber in der Welt keine Rolle spielen, spielen sie bei mir leider auch keine mehr. (Pause.)  Des hab i jetzt gut g’sagt, gell?

 

Franz Xaver Kroetz ist am 25. 3., 20.15 Uhr, in „Das Geheimnis der Hebamme“ (ARD) zu sehen. Das Residenztheater zeigt „Mensch Meier“ am 27. 2. und am 13., 26. März; 089/ 2185-1940.

Das Gespräch führte

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