"Ich hoffe, es hat sich gelohnt"

Salzburg - Thomas Oberender (41) kann aufatmen: Seine erste Saison als Schauspielchef der Salzburger Festspiele neigt sich dem Ende zu. Die Schlachten sind geschlagen, alle Premieren erfolgt, am 31. August ist Schluss. Der Mann, der schon einmal als Intendant für das Deutsche Theater Berlin im Gespräch war, könnte bald auch für München interessant werden.

- Schauspielchef der Salzburger Festspiele: Läuft die erste Saison zu Ihrer Zufriedenheit?

Ja, ich bin mit den künstlerischen Resultaten ganz über die Maßen zufrieden. Ich glaube, dass ich insgesamt ein so komplexes Programm entwickelt habe - inklusive der Reihen "Dichter zu Gast" und Young Directors Project; dass insgesamt so viel Aufregendes und Disparates entstanden ist, dass es sich, so hoffe ich, gelohnt hat.

- Woran messen Sie den Erfolg? An den Besucherzahlen, den Kritiken? Oder verlassen Sie sich da einzig auf Ihre eigenen Kriterien?

Es gibt den Satz von Heiner Müller: Es besteht ein Unterschied zwischen Erfolg und Wirkung. Anders als Heiner Müller sehe ich darin jedoch nicht zwangsläufig einen Gegensatz. Aber es ist schon so: Dinge, die nachhaltig wirken, die erschüttern, die neue Welten erschließen, müssen nicht immer die erfolgreichsten sein. Dennoch denke ich, dass wir mit drei von vier Produktionen - den "Jedermann" nehme ich hier aus - etwas kreiert und angeboten haben, das an normalen Stadttheatern kaum möglich ist. Etwa so ungewöhnliche Konstellationen von Stoffen und Räumen. In dem Sinne ist Heiner Müllers "Quartett" gelungen und zugleich auch erfolgreich.

Das gilt auch für den "Molière" auf der Perner Insel. Wer sich auf die Passion des Molière einlassen konnte, der konnte im Spiel von Thomas Thieme mindestens drei oder vier Momente entdecken, die Aufschluss geben über die Tragödie dieses Mannes und ihre Unausweichlichkeit.

- Nicht gerade viel für eine fünfstündige Aufführung...

Und wenn man rein auf die Statistik guckt, dann ist festzustellen, dass wir am Ende der Festspiele mehr Einnahmen haben, als wir jemals kalkulierten. "Molière" hatte mehr Zuschauer als seinerzeit "Schlachten". Der "Sommernachtstraum" läuft ausverkauft. Auch "Ein Fest für Boris" lief nahezu ausverkauft. Aber man kann, wenn man das Programm macht, nicht alles voraus planen. Das ist, als würde man einen Stein werfen: Alles bestens vorbereitet, perfekter Wurf, doch wie er letztlich landet, ist nicht wirklich berechenbar.

- Sie haben sich selbst in öffentlichen Erklärungen weit vorgewagt, was Konzept und Aussage der einzelnen Inszenierungen betrifft. Nun ist aber in der Praxis manches anders "gelandet". Zum Beispiel "Ein Fest für Boris" von Thomas Bernhard. Sie hatten das beziehungsreiche Stück als Vorspiel zum "Jedermann" auf den Vorabend der "Jedermann"-Premiere gesetzt. Aber von alldem nichts in der Inszenierung. Wie hätten Sie da gegensteuern können?

Na ja... die Kunst ist natürlich frei. Andererseits bin ich letztlich verantwortlich für den Geist, der durch die ganze Sache spricht. Also ich besuche die Proben, ich schalte mich auch ein, indem ich Gespräche führe mit den Künstlern. Und obwohl ich bei einzelnen Dingen entschieden Kritik geübt oder auch andere Ausdrucksformen gewünscht habe, habe ich doch nie etwas restriktiv angeordnet.

- Die Festspiele 2007 stehen unter dem Motto "Nachtseite der Vernunft". Und auch Ihre Schauspielproduktionen sind irgendwie inhaltlich durch einen roten Faden verbunden. Sind solche Bezüglichkeiten nicht eher an einem Stadt- oder Staatstheater angebracht als bei Festspielen, wo man ja nicht durchgehend das gleiche Publikum hat und wo es auch ein Ensemble im eigentlichen Sinn nicht gibt?

Sie fordern mich quasi auf, etwas gegen das zu sagen, was ich verursacht und angeregt habe. In Wahrheit habe ich selber eine Überangst davor, denn ich fürchte alles Ideologisieren. Ich gebe Ihnen Recht: Ein Motto braucht den langen Atem einer Ensembleentwicklung, eines Spielplans. Grundsätzlich bin ich auch dagegen. Es ist wohl eine sehr gute Arbeitsgrundlage, um ein Verhältnis zur Welt zu entwickeln. Bei einem einzelnen Stück aber werden so der Reichtum und die Innovationskraft des Werks reduziert.

- Was haben Sie aus Ihrer ersten Salzburger Festspiel-Saison gelernt?

Ich glaube, es ist wichtig, Abstand zu halten, nicht Teil der Society zu werden. Die eigentliche Arbeit liegt ja vor dem Festspielbeginn. In diesen vier bis fünf Wochen der Festspiele selbst bin ich nur mit Repräsentieren und dem Darüber-Reden beschäftigt. Das ist mir suspekt. Aber ich habe hier natürlich gelernt - vor allem das Verwaltungstechnische, über das Budget, das nur aus den Karteneinnahmen besteht. Also ich muss Gewinn erwirtschaften. Ich habe etwas gelernt über Marketing und das Verhältnis von Publikum, Spielplan und Spielorten. Und über das Verhältnis zu Sponsoren. In anderen Ländern ist es eine Ehre, wenn sich die Sponsoren an den Tisch der Künstler setzen; im deutschsprachigen Raum stehen die Regisseure auf vom Tisch.

- Also alles, was ein Intendant so können und wissen muss. War Herr Küppers, der Kulturreferent Münchens, der ja für 2009 einen neuen Kammerspiele-Intendanten sucht, schon bei den Festspielen?

Ja, er war im "Jedermann". Ich meine, wegen Christian Stückl.

- Was denken Sie über die Münchner Kammerspiele?

Das ist der letzte große Posten, der im allgemeinen Intendantenkarussell noch zu vergeben ist. Und es ist zugleich eine der schwersten Aufgaben, die es momentan gibt. Es ist ein großes Geschenk, wenn man da arbeiten darf. Nur zur Kenntnis: Mein Vertrag mit Salzburg läuft bis 2011.

- Damit zurück zu den Festspielen: Sie haben heuer den Carabinieri-Saal der Residenz als Schauplatz für "Quartett" erschlossen. Welche Orte haben Sie noch im Auge?

Auf der Suche nach neuen Spielorten bin ich sehr verliebt in den Mirabelle-Garten und sein Heckentheater.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

Infos zur Person

Thomas Oberender, geboren 1966 in Jena. Abitur in Weimar. Studium der Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin. Danach Studiengang "Szenisches Schreiben" an der Berliner Universität der Künste. 1999 Promotion über Botho Strauß. Tätigkeit als freier Autor und Journalist. Verfasser von Theaterstücken, darunter "Steinwald's" (1993), "Nachtschwärmer", ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis (2000), und, "100 Fragen an Heiner Müller". Von 2000 bis 2005 war Oberender leitender Dramaturg am Schauspielhaus Bochum, 2005/ 06 Co-Direktor am Schauspielhaus Zürich. Seit Oktober 2006 ist er verantwortlich für das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele.

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