Neues Erdbeben in Mexiko

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„Berlin ist immer auf der Suche und im Werden“ – das liebt der gebürtige Nordrhein-Westfale an seiner Wahlheimat. Manchmal ist ihm der viele Trubel aber auch zu viel, und Max Raabe verschwindet mit dem Rad ins Umland.

Interview

Max Raabe: „Ich lebe nicht in der Vergangenheit“

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München - Max Raabe und das Palast Orchester kommen vom 18. bis 28. Februar ins Deutsche Theater nach München. Das Haus ist mittlerweile renoviert, und der 53-jährige Sänger voll Vorfreude, die neue Bühne zu bespielen. Ein Gespräch über Zeitlosigkeit und das Geheimnis seines Erfolgs.

Funktioniert Ihr Konzept in jeder Stadt?

Ja, komischerweise. Ob Nord- oder Süddeutschland – das ist vollkommen egal, weil offensichlich die Musik global funktioniert. Entscheidend ist eher der Wochentag. Montags ist immer ein bisschen schwieriger. Dann wird’s besser, Mittwoch, Donnerstag, Freitag auch. Und am Sonnabend haben die Leute häufig die Erwartungshaltung: Wir haben uns die ganze Woche darauf gefreut, dass Wochenende ist – jetzt muss es aber auch knallen. Jetzt mach’ mal! (Lacht.)

Wie reagieren Sie als Künstler darauf? Ändern Sie Ihr Programm?

Nein, gar nicht. Ich hab’ da die Ruhe weg, ich weiß ja, dass die Sachen, die ich mir ausgedacht habe, an anderen Orten funktioniert haben und darum bin ich mit großer Gelassenheit dabei und weiß: Irgendwie knack’ ich Euch.

Was sind Ihre Tricks?

Nicht dem Affen Zucker zu geben. Sondern in seiner Haltung zu bleiben, sich auf das Timing zu verlassen, das man sich vorgestellt hat. Gerade die Moderationen sind da ein wichtiger Teil, die Geschichten, die ich erzähle. Die Absurdität kommt dann oft erst durch das Timing zustande, wann man wo die Pausen setzt. Da darf man sich nicht verrückt machen lassen. Ich will nicht eingebildet wirken, aber es ist die Gewissheit eines Handwerkers. Dass man weiß: Wenn ich das so mauere und so anlege, dann gelingt’s.

Gelingt es auch, weil Sie Sinnbild sind für die gute alte Zeit, für Werte, die vergangen scheinen?

Ich weiß, dass ich nicht in der Vergangenheit lebe. Und doch wird mir das oft unterstellt. Das ist ganz amüsant – denn würde ich Beethoven oder Bach interpretieren, würde niemand einwenden, dass das doch mit der Zeit von vor 200 Jahren zu tun hat. Ich versuche immer, aus dem Repertoire die Zeitlosigkeit herauszukitzeln. Wenn wir auf der Bühne stehen, dann ist das keine Nostalgieshow. Wir tragen zwar Frack und Smoking, aber unsere Geigerin trägt ein Abendkleid, mit dem sie auch auf jedem roten Teppich nicht auffiele. Also keine Federboas, Monokel und Zylinder.

Was ist es dann? Warum geht Ihr Konzept auf?

Nun da ist schon eine gewisse Eleganz, im Ton und in der Musik, in der Art der Wortwahl. Und trotzdem ist das, was wir da erzählen und singen ja zeitlos und modern. Ich werde oft gefragt, ob ich die Texte modernisiere. Gar nicht! Das war damals eine sehr glückliche Zeit, was die Begabung der Texter betrifft. Es gab ein paar sehr gute Texter, die sich gegenseitig angestachelt haben und Ehrgeiz hatten, sich gegenseitig zu imponieren. Wahrscheinlich wie heute die Rapper.

Ihr Programm heißt „Eine Nacht in Berlin“. Wofür steht Berlin?

Ich wohne dort schon seit der Zeit vor dem Mauerfall, habe mitbekommen, wie sich die Stadt verändert hat – und dadurch, dass ich so viel reise, schaue ich auch immer mit einem gewissen Abstand auf Berlin. Gerade der Stadtteil Mitte, wo ich lebe, änderte sich besonders in den Neunzigerjahren permanent. In jeder Baulücke hat irgendjemand ein Brett auf ein paar Bierkisten gelegt und gesagt: Das ist jetzt die Bar. Immer war irgendwo was los oder wurde irgendwie gefeiert. Das war schon sehr schräg. Diese Stadt ist immer auf der Suche oder im Werden. Ein Schicksal, das sie seit ihrer Gründung 1871 als Hauptstadt trägt. Das ist ein sehr starker Charakterzug. Auch dass die gesellschaftlichen Grenzen nicht starr sind wie in London oder in Paris. Hier mischt sich das sehr, man sieht die unterschiedlichsten Leute auf Empfängen oder Essen.

Finden Sie die ständige Veränderung nicht manchmal auch wahnsinnig anstrengend?

Man muss ja nicht immer dabei sein. Doch Sie haben völlig Recht, ich werde auch immer muffiger und bin einfach oft gern zu Hause oder treffe mich im kleinen Kreis. Und dennoch: Wenn man mal gegen 3 Uhr nachts in bestimmten Läden aufläuft, dann kann man Leute im Smoking sehen – und im Hintergrund tanzen Frauen mit freiem Oberkörper auf den Tischen. Das ist das, was schon ein bisschen das Verrückte dieser Stadt ausmacht.

Sie selbst treten immer sehr gepflegt auf. Fehlt Ihnen das in unserer Gesellschaft – das Achten auf das eigene Auftreten?

Ich bin gar nicht so pingelig, was andere betrifft. Ich selber hab’ einen gewissen Kodex, wie ich auf die Straße gehe oder wie ich mich anziehe, wenn ich ins Konzert gehe. Ich sehe das ja auch bei unserem Publikum, die sich oft die Freude machen, sich in Schale zu werfen und vorher schön essen gehen und so weiter. Das sehe ich sehr gern. Aber ich selbst bin nicht so streng. Was mir allerdings tatsächlich etwas auf die Nerven geht, ist, dass die Leute in Städten wie München oder Berlin immer herumlaufen, als ob sie auf dem Weg zum Sessellift sind. Oder die kurzen Hosen – auch ich trage im Sommer kurze Hosen, aber nicht in der Stadt. Ich finde, wenn man über 30 ist, sollte man das nicht mehr tun. Einfach aus Rücksicht auf das ästhetische Empfinden der Mitmenschen. (Lacht.)

Sollte man dann auch nicht mehr ins Freibad gehen?

Doch! Da weiß man ja, was einen erwartet. Aber ich mag es nicht, wenn ich in Straßencafés mehr Fleisch auf dem Stuhl sehe als auf dem Teller.

Finden Sie es respektlos, wenn jemand in Jeans ins Theater kommt?

Nein, überhaupt nicht. Die Jeans spiegelt ja gar nichts mehr von Rebellion wider. Die spießigsten Leute tragen Jeans.

Womit kann man denn dann heute noch rebellieren modetechnisch?

Ich glaube, die Zeiten sind vorbei, dass man über Mode schockiert. Natürlich kann man irgendwelche Sachen anziehen, die ordinär sind, aber das ruft dann ja eher Bedauern hervor als Entsetzen.

Hatten Sie nie Lust, mal anders auszusehen? Die Haare zu färben, zerrissene Hosen zu tragen?

Nö. (Lacht.) Wahrscheinlich, weil ich immer mit Leuten zu tun hatte, die über anderes als Kleidung geredet haben. Da ging’s eher darum, was man gerade an Büchern entdeckt hat oder welche Jazzplatte man sich anhören sollte.

Auch musikalisch bleiben Sie sich treu – hat man nicht irgendwann genug davon, vom kleinen grünen Kaktus zu singen?

Ach, der dauert nur eineinhalb Minuten. Und weil die Leute ihn nur alle zwei Jahre hören, wenn sie zu uns ins Konzert kommen, weiß ich, dass sie sich jedes Mal darauf freuen. Und da freue ich mich zu sehen, wie das Publikum aus dem Häuschen gerät, wenn das Stück angespielt wird. Natürlich, wir sind viel auf Tournee. Aber man darf nicht vergessen: Wir spielen in Skandinavien, in England, im Frühjahr machen wir immer eine Tour in die USA – das wird nie langweilig, ist sehr abwechslungsreich. Im Sommer halten wir uns bewusst zwei, drei Monate frei. Das Wiedersehen ist dann so wie früher nach den langen Ferien. Ich fahre in der Zeit auch gar nicht mehr in Urlaub. Ich spanne meine Hängematte zwischen die Obstbäume und genieße die Sonne über Berlin.

Das Gespräch führte Katja Kraft.

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