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Ein Heldentenor der anderen Art: Klaus Florian Vogt (42) übernachtet bei seinen Gastspielen gern im eigenen Wohnmobil und fährt mit dem Motorroller zur Probe.

Interview mit Klaus Florian Vogt

Münchner Lohengrin: „Ich mach’s eben so“

München - Wer derzeit an Lohengrin denkt, der denkt automatisch an ihn. Klaus Florian Vogt ist der Gralsritter unserer Zeit. Erst jetzt debütiert der 42-Jährige mit „seiner“ Rolle in München.

Bei der Wiederaufnahme der Wagner-Oper an diesem Sonntag im Nationaltheater steht der Opernstar im Mittelpunkt.

Ein Heldentenor der anderen Art: Der Holsteiner spielte früher als Hornist in der Hamburgischen Staatsoper, hebt gern ab mit seinem Propellerflugzeug und bevorzugt auf Gastspielen das eigene Wohnmobil. Und er hat eine klanglich derart ungewöhnliche Stimme, die nicht nur die Wagner-Fans zu ausgiebigen Debatten provoziert.

-Zählen Sie Ihre Lohengrine eigentlich?

Neee. Es mag Sänger geben, die so was machen. Manche zählen ja auch die hohen „A“s. Ich bin froh, wenn ich sie kriege. (Lacht.)

-Die Rolle ist Ihnen in Fleisch und Stimme übergegangen. Wie unbelastet und frei nähert man sich da einer neuen Produktion?

Ich versuche, meinen Lohengrin nicht als fertige Figur mitzubringen. Alles andere, das Abspulen eines fest gefügten Entwurfs, wäre doch total langweilig. Es gibt immer wieder eine neue Mischung. Und gerade der Lohengrin bietet hier ständig neue Herausforderungen.

-Muss es mal eine Lohengrin-Pause geben?

Eigentlich nicht. Die gab es ja außerdem schon. Und diese Momente waren schmerzhaft, weil ich die Partie unheimlich gern mag. Im Nachhinein hat sich das aber als sehr positiv erwiesen. Der Abstand, die neue Beschäftigung damit, das alles bringt auch einen Entwicklungssprung.

-Was mögen Sie denn am Lohengrin so gern?

Einfach die Figur. Und dann die große musikalische Bandbreite. Man kann so leise als möglich anfangen, umschalten aufs Dramatische, und dazwischen kommen alle Farben vor. Mit diesen Dingen zu spielen, das funktioniert eigentlich erst, wenn man eine Partie sehr gut kennt.

-Lohengrin ist also wie Autofahren für Sie...

Na ja, teilweise schon. An die Gesangstechnik muss man natürlich immer wieder denken. Aber wie Autofahren...? Dieser Gedanke ist eigentlich gefährlich, weil man dann gleich auf so eine Routineschiene gerät. Und prompt, wenn man sich beruhigt zurücklehnt, geht auch etwas daneben...

-Ist der Lohengrin wirklich eine reine Lichtgestalt ohne Schmutzflecken?

Der hat schon seine entschiedenen Seiten, wenn er gegen Ortrud oder Telramund vorgeht. Bei ihm schwingt außerdem immer das Element des Scheiterns mit, das macht ihn spannend. Ein Ritter kann verlieren, und das weiß er. Er verlangt absolutes Vertrauen von Elsa. Und man kann darüber streiten, ob so etwas zumutbar ist.

-Was ist denn für Sie ein Held?

Heldentum hat für mich etwas damit zu tun, eigene Ängste zu überwinden, immer im Hinterkopf zu haben, dass alles schiefgehen kann und trotzdem das zu tun, was man für richtig hält. Dazu kommt noch das Element der Uneigennützigkeit.

-Welche Helden hatten Sie in Ihrer Jugend?

(Lacht.) Cowboyfilme habe ich geliebt. „Zwölf Uhr mittags“ ist ein Film, der auf mich nach wie vor einen starken Eindruck macht. Dann fand ich noch Detektive interessant, „Detektiv Rockford“ kucke ich immer noch gern. Oder Serien wie „Magnum“. Coole Typen, die auch eins auf die Nase kriegen – so was finde ich ganz sympathisch.

-Haben Sie Idole?

So ein Typ war ich nie. Totaler Fan von irgendwas oder irgendwem sein – eher nicht. Wenn, dann gibt es für mich Idolteile, keine bestimmte Person. Ich beobachte Menschen genau. Und von vielen Charakteren kann man nur Teile für sich mitnehmen. Es gab Dirigenten in meiner Orchesterlaufbahn, die brachten mir musikalisch viel bei. Aber wenn die in einer Probe nur rumschreien... Tut mir leid.

-Sie selbst erfüllen doch auch eine Art Heldenrolle. Als Opernstar...

Möglicherweise. Aber so etwas macht man sich nicht bewusst. Dann würde man in meiner Definition die Heldenrolle ja nicht erfüllen. Den Helden kann man nicht spielen, der muss man sein – und darüber bestimmen die anderen.

-Früher saßen Sie als Hornist im Graben, jetzt sind Sie Mittelpunktsfigur auf der Bühne. Wie groß war die Hemmschwelle?

Ich bin ein eher zurückhaltender Typ. Unter den Orchesterkollegen galt ich als schweigsam. Sich produzieren, das war mir fremd und unsympathisch. Ich mag solche Leute auch nicht. Ich musste mich also sehr überwinden, damit ich mich auf der Bühne entäußern kann. Das hat gedauert, sich zu trauen. Abseits der Bühne bin ich wieder wie immer. Allerdings: Das Ausleben in der Vorstellung macht Spaß und hat sicher was Therapeutisches. Das hat auch meine Persönlichkeit verändert.

-Sie haben eine sehr charakteristische, helle, lyrische Stimme, die sich von allen anderen Tenören Ihres Fachs unterscheidet – was auch dauernd thematisiert wird. War es schwierig, zu diesem Klang zu stehen? Weil man vielleicht immer in eine andere Richtung gedrängt wird?

Diese Gefahr besteht absolut. Es gibt immer Leute, die diesen oder jenen Tenor gehört haben und sich einen Klang dementsprechend vorstellen. Sich hier nicht irritieren zu lassen, ist schwer. Wenn es in einer Kritik mal wieder hieß, alles sei zu hell, denkt man schon, ob’s nicht auch dunkler ginge. Eigentlich Schwachsinn. Man darf seine Stimme nicht verstellen. Und da habe ich Gott sei Dank eine Lehrerin, die mich zu meiner Stimme wieder zurückführt und schimpft: „Was machst du denn da?!“ Inzwischen stehe ich total zu meinem Klang. Ich akzeptiere ihn als Qualität. Ich mach’s eben so. Und wenn jemand etwas anderes will, muss er sich einen Kollegen anhören. Warum soll ein Held nicht auch schön, auf Linie und textverständlich gesungen sein?

Das Gespräch führte Markus Thiel.

 

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