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Der englische Komponist George Benjamin dirigiert ein eigenes Werk in den Akademiekonzerten des Bayerischen Staatsorchesters.

George Benjamin im Interview

"Ich misstraue der Virtuosität"

München - Der englische Komponist George Benjamin dirigiert ein eigenes Werk in den Akademiekonzerten des Bayerischen Staatsorchesters. Ein Interview.

Im zweiten Akademiekonzert dieser Saison steht erstmals George Benjamin am Pult des Bayerischen Staatsorchesters (heute und morgen, Münchner Nationaltheater). Der 53-jährige Engländer, Lieblingsschüler von Olivier Messiaen, faszinierte das Münchner Publikum bereits bei den vergangenen Opernfestspielen – als Komponist.

Ihre erste große Oper, „Written on Skin“ war ein Riesenerfolg bei den Münchner Opernfestspielen. Wurden Sie danach oder schon vorher zum Akademiekonzert eingeladen?

Ich war im Juli hier und habe eine Aufführung erlebt. Aber ich bin schon nach meinem ersten Münchner Dirigat im Mai 2012 eingeladen worden. Ich leitete damals das BR-Symphonieorchester in dieser wunderbaren Musica-Viva-Reihe.

Was ist denn Ihr Hauptberuf?

Komponist!

Wie viele Konzerte dirigieren Sie pro Saison und wie viele Symphonien schreiben Sie im Jahr? Neun?

(Lacht.) Es ist ganz einfach: Wenn ich komponiere, dirigiere ich nicht. Und wenn ich dirigiere, komponiere ich nicht wirklich. Das Komponieren ist eine sehr fordernde Tätigkeit, und ich muss tief eintauchen in diese Arbeit, bei einer Oper sogar über Jahre. Was jetzt wieder der Fall sein wird: Ich habe einen Auftrag von Covent Garden für 2018.

Das Programm für die Akademiekonzerte ist ungewöhnlich. War es Ihre Wahl?

Ja und nein. Vertreter des Orchesters und ich überlegten gemeinsam und kamen auf Messiaens mittlerweile schon ältere „Oiseaux exotiques“ und auf zwei Werke des frühen 20. Jahrhunderts: Ravels „Rapsodie espagnole“ und Janáceks „Sinfonietta“, die das Staatsorchester noch nicht gespielt hat. Und dazu ein Werk von mir. So umschließen die beiden großen Orchesterstücke die beiden anderen mit Klavier.

Heutzutage ist es selten, dass Komponisten dirigieren.

Im 19. Jahrhundert war es noch völlig normal, im 20. bildeten Strawinsky, Strauss, Boulez eher die Ausnahme. Heute komponieren und dirigieren zum Beispiel Peter Eötvös, Oliver Knussen und einige andere mehr.

Dirigieren Sie gerne Ihre eigenen Werke?

Normalerweise ja. (Strahlt.) Aber ich mag auch, wenn andere meine Stücke dirigieren. Als Kent Nagano meine Oper „Written on Skin“ aufführte, war ich sehr begeistert. Das Dirigieren eigener Kompositionen birgt eine gewisse Versuchung: Ich muss gut sein als Komponist und als Dirigent.

Wie geht es Ihnen, wenn ein anderer Dirigent Ihre Musik anders sieht, hört, interpretiert…

Ich liebe es. Solange der richtige Klang entsteht, die richtigen Töne am rechten Ort erklingen. Sonst kann es sehr schrecklich sein… Ein guter Musiker und Interpret hat seine eigene Vorstellung, sie kann brutaler oder lyrischer, leuchtender oder dunkler sein. Das gefällt mir durchaus. Es gibt nicht nur einen richtigen Weg. Eine Partitur ist keine CD. Sie ist offen für Interpretationen.

Sie nennen Ihr Werk „Duett für Klavier und Orchester“. Was unterscheidet es von einem normalen Klavierkonzert?

Mir persönlich behagt die Konzert-Form nicht. Ich bevorzuge den Wechsel der Perspektiven, ich mag die Aufteilung „Solist im Vordergrund und Orchester im Hintergrund“ nicht. Außerdem misstraue ich ein bisschen der Virtuosität…Ich mochte Kadenzen schon als Kind nicht. Das Duett ist mein erster Versuch mit dieser Besetzung. In diesem Stück behandle ich das Klavier als Orchester. Ich teile die Klaviatur in sechs oder sieben Segmente analog zum Orchester, und das Orchester verhält sich wie ein Klavier, wenn es einen Ton anschlägt.

Sie und Solist Pierre-Laurent Aimard haben bei Olivier Messiaen studiert. Sind Sie, was dessen Musik betrifft, ein besonders authentisches Team?

Schon möglich. Wir kennen und verstehen seine Musik, weil er oft mit uns darüber gesprochen hat. Und wir liebten ihn als Lehrer und Komponisten. Ob wir seine „Oiseaux exotiques“ richtig interpretieren – das sehen wir heute Abend...

Das Gespräch führte

Gabriele Luster.

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