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Der Komponist: Eberhard Schoener in seiner Münchner Wohnung.

„Ich möchte die Kultur zurückbringen“

MÜnchen - Komponist Eberhard Schoener spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über sein Spektakel am Tegernsee und seine persönliche Bindung an die Region.

Klassik und Rock, Jazz und Kirchenmusik, Gaukler und Tangotänzer: Ab dem 31. August verwandelt sich das Tegernseer Tal für drei Tage in eine riesige Bühne (siehe Kasten). Höhepunkt der zweiten Auflage des Sommerfestivals „Ein Tal zum Klingen bringen“ sind die „Traumpfade der Musik“, eine Inszenierung des Komponisten und Dirigenten Eberhard Schoener. Wir haben ihn in seiner Münchner Wohnung zum Gespräch besucht.

Traumpfade der Musik, Licht und Schatten, eine Geschichte über den Aberglauben – das klingt alles sehr mystisch. Was erwartet die Zuschauer konkret?

Traumpfade finden wir bei den Aborigines in Australien. Deren Lieder sind ihre Wegweiser, sie singen ihre Landkarte. Wir machen am Tegernsee im Grunde das Gleiche. Es gibt zwei Ebenen an dem Abend. Die erste ist die der Mystik, der Geschichte und der Kultur des Tegernsees. Friedrich von Thun hat dazu Texte geschrieben und spricht sie auch. Die zweite Ebene ist die der Künstler, die bei uns zu Gast sind – Jack Bruce, Barbara Dennerlein, Christoph Well und andere. Sie kommen scheinbar zufällig vorbei und machen auf ihrer Lebensreise Station am Tegernsee. Es geht dabei auch um die Sinnsuche, die heute viele Menschen beschäftigt. Es wird kein statisches Konzert, sondern ein fließendes Miteinander der beiden Handlungsstränge. Das verbindende Element ist die Passacaglia, die ich komponiert habe für großes Orchester, für Chor, für Rockband.

Warum haben Sie diese Kompositionsform gewählt?

Die Passacaglia kommt aus dem 16. Jahrhundert und war spanische Straßenmusik. Es ist ein Ostinato mit Variationen. Wir machen im Grunde eine Weiterführung dieser Straßenmusik. Vor fünf Monaten war Jon Lord von Deep Purple bei mir. Als ich ihm sagte, dass ich eine Passacaglia schreibe, sagte er: „Fantastisch, kann ich mitmachen?“ Das geht nun leider nicht mehr (Lord ist vor kurzem gestorben, Anm. d. Red.). Er hatte sofort begriffen, warum: Eine Passacaglia ist ideal, wenn man viele verschiedene Künstler hat. Es wird nicht zum Nummernprogramm, sondern hat immer eine Beziehung zueinander. Die Passacaglia ist das Bindeglied.

Und der Tegernsee die schöne Kulisse?

Mehr als das. Der See spielt mit. Was wir dort machen, ist eingebettet in die Tegernseer Landschaft. Darum eine Passacaglia – um den See herum. Schon den ganzen Tag wird in den Orten Straßenmusik gemacht. Und am Abend sehen die Leute eine große, szenische Aufführung.

Rund 100 Künstler wirken mit, darunter Größen wie Jack Bruce und Friedrich von Thun. Wie haben Sie die in die Wiesseer Bucht gelockt?

Das ging nur über die Freundschaftsebene. Friedrich von Thun lebt am Tegernsee, wir sind sehr gute Freunde. Mit Jack Bruce habe ich schon vor 20 Jahren gearbeitet, gemeinsam mit Sting und Gianna Nannini. Wir kennen uns also, sonst wäre das undenkbar. So ein Superstar ist gar nicht zu bezahlen. Den Stofferl (Christoph Well, Anm. d. Red.) von der Biermösl Blosn habe ich in den Kammerspielen gesehen, wo er mit seinen Geschwistern aufgetreten ist. Dann habe ich ihn einfach angerufen, und er hat gesagt, er macht mit. Der fand es gleich spannend, was wir dort machen.

Die Künstler kommen alle von verschiedenen Orten – können Sie überhaupt im Voraus proben?

Ja, haben wir schon. Vergangene Woche hatte ich die ganzen Rockmusiker am Tegernsee. Jetzt sind sie mit dem Material nach Hause gefahren und üben dort weiter. Ich fahre nach Bratislava und probe mit dem Orchester dort. Mit den anderen treffe ich mich ebenfalls. Das ist wie ein Magnet: Am Schluss passt alles von allen Seiten zusammen, und in drei Tagen muss das stehen. Das ist eine unglaublich spannende Zeit. Da kommt der riesige Bühnenbau, Ton, Licht, Inszenierung muss alles in den drei Tagen ineinandergreifen. Aber ich habe sehr viel Erfahrung und die nötige Ruhe. Das ist das Allerwichtigste, dass man Ruhe und Kontrolle behält.

Warum dieser große Einsatz für den Tegernsee?

Ich habe dort viele Jahre zugebracht und verdanke dem See sehr viel. Und: Er hat eine faszinierende Kulturgeschichte. August Macke war da, Wilhelm Furtwängler, der größte Dirigent aller Zeiten. Da ist eine große kulturelle Tradition. Als man mich fragte, ob ich nicht mal was machen könnte – ich wohne ja draußen in Miesbach –, da habe ich gesagt, ich überlege mir was. Aber es muss eine Affinität haben zum See. Vor zwei Jahren habe ich dann den Walpurgiszauber aufgeführt. Nun habe ich überlegt: Wie kann ich diese Sache fortsetzen, damit man nicht nur ein Konzert macht? Und dann hatte ich den Einfall mit der Passacaglia. Da die Bühne im Gegensatz zu vor zwei Jahren nicht im Wasser aufgebaut ist, kann man von allen Plätzen aus das Geschehen verfolgen.

Die Inszenierung soll etwa zwei Stunden dauern. Wie lange haben sie gebraucht, um die Musik zu komponieren?

Fast ein Jahr habe ich immer wieder daran gearbeitet. Das ist doch ein recht großes Unterfangen. Wir hatten vor zwei Jahren 5000 Zuschauer.

Sie haben allerdings schon auf weitaus größeren Bühnen dirigiert. Wo liegt für Sie die Herausforderung gerade in diesem Projekt?

Es ist nicht schwieriger und auch nicht leichter als alle anderen. Es ist sehr viel Arbeit, sehr viel Organisation, das muss ich mir im Grunde nicht antun. Aber ich glaube, Künstler haben den Auftrag, Dinge zu initiieren. Der Kulturaspekt war am Tegernsee in den vergangenen Jahren nicht mehr stark genug. Ich möchte die Kultur zurückbringen.

Das Gespräch führte Ann-Kathrin Gerke.

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