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„Vielleicht bin ich ein vorsichtiger Mensch“: Anja Harteros als Feldmarschallin im Münchner „Rosenkavalier“. Wiederaufnahme ist an diesem Donnerstag.

„Ich möchte nicht so billig sein“

München - Zum neu einstudierten "Rosenkavalier" an der Bayerischen Staatsoper spricht Anja Harteros im Interview über die Marschallin, Schubladendenken und den Klassikmarkt

39 Jahre nach ihrer Premiere ist Otto Schenks Inszenierung des „Rosenkavalier“ in Jürgen Roses üppiger Ausstattung längst Kult geworden. An diesem Donnerstag übernimmt Anja Harteros (38) im Münchner Nationaltheater bei der Neueinstudierung des Strauss-Werks erstmals die Rolle der Marschallin. Ohne Mediengetöse hat es die Tochter eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter an die Spitze der Opernszene geschafft: eine enorm ausstrahlungsstarke Darstellerin, die mit einer der schönsten Sopranstimmen gesegnet ist.

Sie übernehmen die Marschallin in einer legendären Inszenierung. Ist die Reihe der Vorgängerinnen belastend? Oder sollte man das lieber ausblenden?

Das kann man nicht ausblenden. Ich muss quasi die Luft einsaugen, die diese Inszenierung all die Jahrzehnte geatmet hat. Und dementsprechend muss ich darauf reagieren - aber trotzdem so, wie es in meinen Mitteln liegt. Otto Schenk hat mir, ohne mich zu kennen, ausrichten lassen, ich solle die Marschallin auf keinen Fall zu ernsthaft bringen. Immer schön leicht bleiben.

Bietet diese Produktion dann auch nur eine veraltete, überholte Sicht auf die Marschallin?

Hier begegnet uns eine Marschallin, die schon einiges an Erfahrung hinter sich hat. Und: Die Marschallin dieser Inszenierung hat viele andere Marschallinnen geprägt. Das alles hat man gewissermaßen auch mit im Gepäck. Natürlich möchte ich an meine Vorgängerinnen irgendwie heranreichen können. Ich will aber niemanden kopieren. Ich will meine Gefühle einbringen, ohne die Kolleginnen zu ignorieren. Es ist ein Drahtseilakt.

Leistet sich die Marschallin nach ihrer Affäre gleich die nächste? Gibt es einen Oktavian II.?

Es wird wieder einen geben. Glaube ich zumindest - ich habe ja nicht so viel Erfahrung mit wechselnden Affären. Das war damals eine Zeit, in der Ehen nicht unbedingt aus Liebe geschlossen wurden. Oktavian ist der Versuch der Marschallin, ihr Leben lebenswerter zu gestalten, und vielleicht ist er auch nicht der erste.

Läuft man Gefahr, sich von der Wehmut und Melancholie der Marschallin anstecken zu lassen?

Natürlich. Man lässt sich aber auch anregen. Diese Gedanken über Reife, vergehende Zeit und das Älterwerden, die hier von Hofmannsthal und Strauss verhandelt werden, sind unheimlich aufschlussreich. Ich würde nicht behaupten, dass ich über das Thema in der gleichen Tiefgründigkeit nachgedacht habe. Ich bin zwar auch ein tiefgründiger Mensch, mir würde das jedoch nicht so ausgeklügelt gelingen. Aber so ist es ja fast immer bei großen Werken, mit denen man konfrontiert wird.

Sie singen deutsches und italienisches Fach, auch Barock. Wie haben Sie’s geschafft, in keine Schublade gesperrt zu werden?

Kurz nachdem ich 1999 in Cardiff den Wettbewerb gewonnen hatte, habe ich James Levine vorgesungen. Und er meinte damals: Ich kenne nur noch einen Sänger, der deutsches und italienisches Repertoire abdecken kann, das ist René Pape. Man darf eben eine vielseitig veranlagte Stimme nicht in eine Schublade stecken. Beide Fächer können sich gegenseitig ergänzen. Das wird von Agenten und Intendanten oft vergessen.

Liegt es auch daran, dass Sie von Ihrer Herkunft her nicht eindeutig zugeordnet werden können?

Das spielt bestimmt auch eine Rolle. Ich habe schwarze Haare, trage einen griechischen Namen und kann südländisch aussehen - wenn ich will. (Lacht.) Aber wesentlich ist doch die Färbung und der Charakter der Stimme. Das muss zur Rolle passen, egal in welchem Fach. Sänger überschätzen sich ja immer und stufen sich falsch ein. Jeder denkt etwas anderes von sich. Also braucht man gute Ratgeber, eine gewisse Bescheidenheit und die Bereitschaft, sich mit dem Wesen der eigenen Stimme zu beschäftigen.

Es fällt auf, dass Sie sich gewissen Mechanismen des Klassikmarkts entziehen...

Ich mag dieses übertriebene Sich-zur-Schau-Stellen nicht. Ich mag keinen Opernbetrieb, der nur auf Namen basiert. Okay, da schneide ich mir manchmal ins eigene Fleisch. Ich könnte vielleicht ganz woanders sein, wenn ich meine Vermarktung vorantreiben würde. Aber ich finde, mein Privatleben, welche Schuhe ich trage und all die nebensächlichen, oberflächlichen Image-Dinge, die tun nichts zur Sache. Natürlich habe ich ein Interesse daran, dass ich gut dargestellt werde und positiv beim Publikum ankomme, insofern kann man sich als öffentliche Person den Mechanismen nicht ganz verweigern. Aber ich möchte das auf einem gehobenen Niveau tun. Ich möchte nicht so billig sein. Vieles auf dem Klassikmarkt ist billig geworden. Ein großer Name kommt heute oft nur dadurch zustande, dass die betreffende Person in möglichst vielen Medien präsent ist - mit was auch immer. Schlimm. Und dann schlägt manch einer die Zeitung auf und hält das für die Wahrheit, ganz unabhängig von der tatsächlichen Qualität.

-Also ein Open Air auf dem Königsplatz wäre mit Ihnen nicht zu machen?

Gut, es heißt, dass es eine extrem hohe Gage gibt... (Lacht.) Geld verführt. Aber mein Bauch sagt nein. Ich bin dafür nicht gemacht. Außerdem: Im Konzert oder in der Oper sind wir gewohnt, diffizile, ausgeklügelte Dinge zu tun. Das ist doch was anderes, als mit viel Trara etwas durch Mikrofone zu schmettern.

„Ich halte mir die Möglichkeit für andere berufliche Wege offen“, sagten Sie einmal. Wäre es denkbar gewesen, die Karriere abzubrechen?

Vielleicht bin ich ein vorsichtiger Mensch. Ich finde die Anforderungen, die an Sänger gestellt werden, manchmal erdrückend. Viele verhalten sich dann nicht gemäß ihrer Kapazitäten. Ich will damit nicht sagen, dass ich nur für die Kunst lebe. Aber man muss viel zurückstecken können, um auf einen gewissen Level zu kommen. Diese Disziplin kann sehr anstrengend sein. Natürlich könnte ich es mir einfacher machen. Ich könnte versuchen, ohne Rücksicht auf die Stimme viel Geld zu verdienen. Sodass es reicht, wenn ich früher aufhöre oder aufhören muss. Aber das ist nichts für mich. Ich möchte möglichst lange den Grund spüren, warum ich diesen Beruf ergriffen habe: Das ist die Musik und die Freude, die sie beim Ausüben bereiten kann. Aber natürlich, wenn einmal die Stimme nicht mehr so läuft oder etwas anderes mich an der Ausübung dieses Berufes hindert, dann wird ein anderer Weg eingeschlagen.

Wie belastend ist die Entscheidung für den „Lebensentwurf Sängerin“?

Ich möchte zugeben können, dass ich mich als Sängerin auf mich selbst konzentrieren können muss. Dafür muss ich aber auch auf einiges verzichten. Viele Sängerinnen aber wollen alles haben und sind nicht bereit zu verzichten. Das ist wohl eine Mentalitätsfrage. Möglicherweise bin ich diesbezüglich eher konservativ, doch ich finde, dass beispielsweise ein Kind nicht mit auf ständige Reisen gehört.

Das klingt jetzt sehr nach Marschallin...

Sehen Sie. Insofern passt die Rolle doch irgendwie.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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