"Ich muss Zehnkämpfer sein"

- "The word greatest" verkündet Rufus Becks sportiv ironisches Sweatshirt, das er unter einer lustigen, braunen Zottelbärjacke hervorschält. "Des Wortes Größter" ist jedenfalls ein Liebhaber der Worte - und möglichst vieler, eine echte Rampensau, notfalls auch ohne Rampe, beim Interview. Den Titel "Geschichtenerzähler" verleiht sich Rufus Beck dabei gleich selbst. Er passt gut zu seiner neuen Ein-Mann-Show: Am 6. Dezember wird Beck im Prinzregententheater das Publikum in einer szenischen, Video-gestützten Lesung auf eine Fantasiereise "Von der Erde zum Mond" und ins Jahrhundert Jules Vernes mitnehmen.

"150 Jahre vor George W. Bush karikiert Verne

die Unzufriedenheit der Kanonengießer in Friedenszeiten."

Rufus Beck

"Geschichtenerzähler" taugt auch als Oberbegriff für all das, was Beck ist, war und vielleicht so oder anders noch sein wird: ein Theaterschau-spieler von Haus aus, der es vom Autodidakten bis ans Bayerische Staatsschauspiel schaffte, wo er 1989 als Franz Moor in Schillers "Räubern" einen fulminanten Auftritt hatte. Er wurde ein bekanntes Gesicht in Filmen unter anderem von Sönke Wortmann und ein Fernseh-Ermittler namens "Inspektor Rolle". Außerdem war er der Magier in Peter Maffays erstem "Tabaluga"-Musical und der Regisseur beim zweiten, "Tabaluga und das verschenkte Glück". Nicht zu vergessen der virtuose Sprecher von Hörbüchern und -spielen. Und schließlich ist er in Personalunion sämtliche Figuren der Harry-Potter-Hörbücher; der jüngst aufgenommene sechste Band erscheint 2006.

Doch merkwürdigerweise ist Beck auf sein wohl berühmtestes Werk, für dessen Interpretation er etliche Preise erhielt, kaum mehr stolz, eher unwirsch lässt er sich auf das Thema ein. Nein, langweilig werde ihm Zauberlehrling Harry nicht, das sei die falsche Frage. "Als darstellender Künstler ist es egal, ob ich auf der Bühne oder im Studio stehe. Ich muss Zehnkämpfer sein. Das Hörbuch erfordert eine spezielle Technik. Fantasie, Musikalität, ein imaginäres Publikum. So habe ich allmählich die Interpretation der Figuren, ihre Stimmen weiterentwickelt", sagt der lange, dünne, jugendlich wirkende 48-Jährige. Als sei ihm oft vorgeworfen worden, das Hörbuch sei nur Leseersatz, erklärt er: "Beim Selberlesen folgt man dem Plot, überspringt Stellen, die die Handlung nicht vorantreiben. Das geht beim Hörbuch nicht, und man muss eine Qualität daraus machen, die Spannung damit steigern. Den Raum zum Klingen bringen, den Text mit Bedeutung aufladen."

Nun scheint es Rufus Beck vom imaginären Publikum wieder verstärkt zum leibhaftigen hinzuziehen, und weil Beck keiner ist, der sich auf seinen Errungenschaften ausruht, hat er aus seinen vielfältigen Leseerfahrungen heraus das aufwändige Jules-Verne-Projekt entwickelt und selbst produziert. "Jules Verne wird als ,Jugendbuchautor’ unterschätzt. Seine Bücher entstanden als Fortsetzungsromane und wurden später für Jugendbuchausgaben stark gekürzt. Er hat aber einen ganz feinen Humor, entwickelt eine Filmdramaturgie, obwohl es Mitte des 19. Jahrhunderts noch keinen Film gab." Und so hat Rufus Beck zu seinem Lieblings-Verne-Roman "Von der Erde zum Mond" eine Art Film gedreht, hat die Illustrationen der Originalausgabe per Computer animiert, die auf einer riesigen Videoleinwand die einzige Kulisse sein werden. "Eine Art Passepartout, das zusammen mit der Filmmusik die Blicke in die Geschichte hineinziehen soll." Dazu schlüpft Beck in die verschiedenen Rollen.

Es geht um einen amerikanische Kanonenklub, der beschließt, jemanden auf den Mond zu schießen. "150 Jahre vor George W. Bush karikiert Verne die Unzufriedenheit der Kanonengießer in Friedenszeiten, aber weil man mit Unsympathen keinen Roman bestreiten kann, beschreibt Verne die Würgeengel zugleich auch als liebenswerte Menschenkinder."

Rufus Beck sprüht und funkelt, wenn er nur von dieser Geschichte zu erzählen beginnt, ironisiert eben einen beflissenen Schriftführer mit rheinischem Akzent, um dann einen sehr preußischen Präsidenten zu geben. "So etwas ist nicht mehr Hörbuch, das ist Theater", sagt Beck. "Ich verwandle mich sprachlich in die Figuren." Natürlich sei es ein Drahtseilakt, so alleine auf der Bühne zu stehen. Ich muss selbst das Orchester ersetzen und den Charme entwickeln, um ein Publikum zu verführen. Das ist die Krönung des Theaters."

Hat dem umtriebigen Einzelgänger das Theater vielleicht doch ein bisschen gefehlt? "Ja, es fehlt mir. Aber es ist auch eine Kostenfrage", sagt der Vater dreier Kinder. Ein Engagement bequem vor seiner Grünwalder Haustür würde ihm schon mal wieder gefallen. Als nächstes gönnt er sich aber am Berliner Renaissancetheater eine Rolle in einem Vier-Männer-Stück, von dem er in den höchsten Tönen schwärmt: "Alte Freunde" von Maria Goos, inszeniert von Dietmar Pflegerl. Und dann wird "The word greatest" erst einmal mit seinem jüngsten Lieblingsprojekt Jules Verne weiter durch die Lande ziehen.

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