"Ich sammle Orte"

- Theater aus Polen, Land von Grotowski und Kantor, ist Schwerpunkt von Münchens Spielart-Festival (24. Oktober bis 8. November). Und gleich mit zwei Stücken vertreten ist Zbigniew Szumski (1999 hier schon sein "Billard"). Im i-camp präsentiert er "I do not speak about love here" (26. 10.), im Haus der Kunst "Dictionary of Situations" (1.-4. 11.), eine Co-Produktion seines Teatr Cinema mit Spielart (Karten Tel. 089/54 81 81 81).

<P>Teatr Cinema, ein Name mit programmatischer Bedeutung?<BR><BR>Szumski: Nein, ich habe 1991 am Stadttheater von Jelenia Gora ein Stück herausgebracht mit dem Titel "Cinema". Es war so eine postmoderne Idee, bekannte Film-Tanzszenen nachzuspielen, aber total überzogen und verdreht. "Hair" zum Beispiel haben wir glatzköpfig tanzen lassen. Aus dieser Produktion entstand unsere Gruppe im kleinen Michalowice. Jeder macht alles. Und ich entwerfe auch die Bühne.<BR><BR>Sie haben Grafik und Malerei in Danzig studiert, waren zunächst Maler. Warum dann Theater? <BR><BR>Szumski: In der Malerei enden zu viele Sätze mit einem Punkt. Aber es gibt keine einfachen Antworten. Wenn in einem Dialog im letzten Satz ein Punkt steht, dann ist es kein Dialog.<BR><BR>Sie arbeiten mit Improvisation.<BR><BR>Szumski: Dabei ergeben sich sehr, sehr viele Möglichkeiten, aus denen ich aussuche. Die Arbeit mit der Zeit ist für mich von größter Bedeutung, mehr noch als die mit einer Idee. Bei den Wiederholungen geht es darum, dass man haarscharf diesen ganz bestimmten Augenblick findet, in welchem eine Etüde, eine Situation, eine Geste entstanden ist.<BR><BR>Kommt doch noch irgendwo der Maler Szumski ins Spiel?<BR><BR>Szumski: Vor jedem Stück sammle ich Bilder, Orte, auch leere Orte. Der Dialog mit den Schauspielern, die Improvisation funktioniert nicht, solange der Raum nicht festgelegt ist. </P><P>Für diese Uraufführung wurden Sie inspiriert von einer Caritas-Versandstelle, wo liebevoll gepackte Pakete geöffnet und die Inhalte sortiert werden nach Zielorten wie Krankenhaus oder Kinderheim.<BR><BR>Szumski: Ich möchte vor allem etwas erzählen. Und Geschichten, die wert sind, erzählt zu werden, schlummern unter der Oberfläche.<BR><BR>Aber was ist Ihre Aussage?<BR><BR>Szumski: In diesem Fall ist es sehr schwierig, noch eine wertende Struktur draufzusetzen. Bei uns ist es deshalb ein Spiel mit meiner Identität und der der Schauspieler, die ja nochmal ganz anders reagieren. Es ist hier wie im Leben: Die Menschen, die sich an etwas erinnern sollen, erzählen viel lieber über sich selbst, als eine Geschichte wiederzugeben. <BR><BR>Stichwort polnische Theatertradition? <BR><BR>Szumski: Bei uns wird ja schon lange mit Improvisation gearbeitet. Das hängt mit dem Bedürfnis nach Autonomie zusammen, wo der Schauspieler, der Mensch einen Raum für sich auszuloten versucht. Die Politiker und die Polizei konnten das nicht brechen, weil sie diese Suche nach Autonomie gar nicht verstanden haben. Die Kunst gehörte einfach in die Kategorie "klares Übel". Für die Künstler selbst war es immer ein Dialog zwischen Autonomie und Isolation . . . Wenn jemand frei sein will, muss er immer eine bestimmte Isolation in Kauf nehmen.<BR><BR>Und die Situation jetzt? <BR><BR>Szumski: Es ist eine Zeit der Wandlung. Die Schauspieler sagen oft, ich dominiere. Weil ich in die Privatsphäre eindringe. Die Geheimnisse des Menschen interessieren mich nun mal am meisten. Was ich mache, ist aber nur ein Vorschlag zu einer Wandlung, denn man kann keinen Menschen zu einer Wandlung, einer Veränderung zwingen. In diesem Fall schon gar nicht, weil es sich nicht um ideologische Veränderung handelt, sondern innerhalb der Theaterarbeit um eine Veränderung in der Aufmerksamkeit gegenüber einem Detail.<BR><BR>Fünf Münchner Darstellerinnen spielen mit. Spüren Sie Unterschiede?<BR><BR>Szumski: Nicht so sehr im Nationalen, sondern im Unwissen des Mannes über die Frau und umgekehrt . . . das viel größer ist als das eines Polen über einen Deutschen und vice versa.</P><P>Das Gespräch führte Malve Gradinger<BR></P>

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