„Ich war nie scheu“

München - Interview zum Gastspiel im Prinzregententheater: Sopranistin Measha Brueggergosman über Lied-Gesang, Yoga und ihre Füße.

Fast am schönsten sind bei ihr die Zugabenblöcke. Wenn sie ihre Stücke ansagt, auch mal Freunde im Publikum begrüßt, einen Scherz wagt, um dann selbst in ein ansteckendes, immer etwas dreckiges Lachen auszubrechen. Measha Brueggergosman, 1977 im kanadischen Fredericton geboren, ist die perfekte Entertainerin – und ein Unikum, das sich von vielen „gemachten“ Stars sympathisch unterscheidet. Dass sie fast perfekt Deutsch spricht, liegt am Studium. Zuerst kam sie nach Düsseldorf, dann lebte sie fast vier Jahre lang in Augsburg. Wer nun glaubt, die humorvolle Kanadierin beschränkt sich auf Klassik light, wird angenehm überrascht: Gerade hat sie eine Lied-CD produziert (siehe Kurzkritik rechts). Das Programm mit Werken unter anderem von Brahms, Strauss und Schubert singt sie an diesem Freitag im Prinzregententheater.

-Einen Ihrer größten Auftritte haben Sie gerade hinter sich: mit der Olympiahymne bei der Eröffnungsfeier in Vancouver. Hatten Sie Schuhe an?

Nee. Aber das Kleid war lang genug. Ich trage nie Schuhe auf der Bühne, weil es unbequem ist. Ich habe so große Füße... Aber lassen wir das.

-Sie sind jemand, der die Bühne braucht. Und dennoch singen Sie so wenig Oper. Da passt doch was nicht zusammen...

Ich kam nach Deutschland, um bei Edith Wiens zu studieren. Und sie singt eben hauptsächlich Konzerte. Das und Liedgesang passen gut zu mir. Es ist auch eine ganz andere Art von Künstlerleben. Jeden Abend in einer anderen Stadt, das gefällt mir einfach. Das Repertoire ist auch größer. Man kann Unbekanntes entdecken, und ich möchte einfach flexibel bleiben. Trotzdem häufen sich bald die Opernauftritte. Die „Mahagonny“-Jenny in Madrid, „Dead Man Walking“ in Houston, „Idomeneo“-Elektra in Paris, „Idomeneo“-Ilia in Toronto...

-Braucht man die Oper, um eine große Karriere zu machen?

Ich habe gerade bei den Olympischen Spielen gesungen. Die Antwort lautet also: nein (lacht). Außerdem brauche ich keine große Karriere, sondern eine gute. Ich will Repertoire für mich entdecken und genießen. Das ist interessanter, als bekannt zu sein. Wenn man nur das singt, was von einem erwartet wird, wird es doch langweilig.

-Welche Opernpartie ist Ihnen eigentlich am ähnlichsten?

Gute Frage. Äh nein, was für eine gefährliche Frage! Es gibt zwielichtige, vielschichtige Rollen, die finde ich natürlich reizvoll. Außerdem ist es schön, während der Opernarbeit Kollegen zu treffen. Auf Konzerttournee passiert so etwas ja nicht. Und manchmal ist dieses Spiel auf der Bühne deshalb so interessant für einen, weil es wie eine Flucht ist...

-Edita Gruberova sagte einmal: „Wenn ich meine Rollen singe, spare ich mir den Psychiater.“

(langes, etwas dreckiges Lachen) Ich gehe trotzdem hin. Aber im Ernst: Ich mache gerne Yoga. Demnächst besuche ich sogar einen neunwöchigen Kurs, um Lehrerin zu werden. Ob beim Yoga oder auf der Bühne: Ich genieße diese Unterhaltung mit mir selbst. Gut, das kann auch ungesund werden, wir Menschen sind ja soziale Tiere. Aber es ist mir wichtig, Zeit für mich zu haben. Ich bewundere Kollegen, die fast jeden Tag auftreten. Ich brauche das nicht. Um frisch zu bleiben, muss ich den Beruf quasi verlassen, um dann wieder zurückkommen zu können. Dieser andere Teil meines Lebens füttert gewissermaßen mein Berufsleben. Meine wichtigste Rolle gibt es in keiner Oper. Sie ist Tochter, Partner oder beste Freundin. Dann bin ich vielleicht nicht die beste Sängerin der Welt, aber die beste, die ich sein kann.

-Haben Sie einen Karriereplan? Oder lassen Sie einfach alles auf sich zukommen?

Ich bin gläubiger Christ. Ich denke, es gibt da oben einen Plan. Und deshalb bin ich zufrieden, weil ich weiß: Ich mache Fehler, aber er nicht. Ich probiere also Sachen aus. Und wenn’s nicht funktioniert – macht nichts. Die Musik wird mir trotzdem immer etwas geben.

-Sie schwärmen so viel von Ihrer Lehrerin Edith Wiens. Werden Sie selbst einmal unterrichten?

Gern. Aber ich bin nicht so geduldig. Auch wenn ich mich liebend gern mit Details beschäftige. Zu Beginn meines Studiums war ich total faul. Ich musste mir erst bewusst machen, was es heißt, ein Lied oder eine Oratorienpartie zu beherrschen. Nicht nur die Noten, sondern eben mehr.

-Und der Applaus? Verleitet der einen dazu, unkritisch zu werden?

Kann sein. Hier in Europa ist es sowieso komisch. Die Leute klatschen immer gern rhythmisch, das kennen wir in Nordamerika nicht. Auf der Bühne zu sein, ist doch eine seltsame Situation. Alle starren einen an. Das ist schon o.k. Aber sonst brauche ich das wirklich nicht. Essen gehen mit Freunden, Reality-Shows im Fernsehen anschauen... Das Gegenteil von hoher Kunst eben. Wunderbar! Ich bin nicht für die hohe Kunst gemacht, sie ist eine rein berufliche Sache.

-Brauchten Sie als Kind auch schon die Bühne?

Ja. Ich war nie scheu! Wir sind in der Familie alle so. Typische A-Charaktere. Meine Schwester war Leichtathletin, mein Bruder ist wie mein Vater Pastor. Alles Bühnenmenschen. O.k., meine Mutter ist scheu. Wenigstens eine. Auch die meisten meiner Freunde sind eher zurückhaltend. Sie sind der Teil von mir, den ich nicht in meinem Inneren habe. Der Teil, an dem ich auch wachsen möchte. Organisiert sein. Pünktlich sein. Gut mit Geld umgehen können. Da könnte ich noch etwas lernen. Ich arbeite daran! Niemand ist eine fertige Persönlichkeit!

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare