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Ein enormes literarisches Talent hatte Anne Frank, die gesammelten Schriften belegen dies.

„Ich sehne mich nach allem“

Gesamtausgabe mit Schriften von Anne Frank erschienen

München - Großartig und eigentümlich: Die erste Gesamtausgabe mit Briefen, Schriften und dem Tagebuch von Anne Frank ist erschienen.

„Die Sonne scheint, der Himmel ist tiefblau, es weht ein herrlicher Wind, und ich sehne mich so, sehne mich so nach allem... Nach Reden, nach Freiheit, nach Freunden, nach Alleinsein.“ Das Mädchen, das diese Zeilen am 12. Februar 1944 in ihr Tagebuch schrieb, durfte den zaghaft einsetzenden Frühling nur noch durch ein kleines Fenster genießen. Und auch dies nur unter größter Vorsicht. Denn schon seit beinahe zwei Jahren versteckte sich die jüdische Familie von Anne Frank mit anderen im Hinterhaus eines Bürogebäudes in Amsterdam. Bis die Notgemeinschaft an die Nazis verraten und nach Auschwitz deportiert wird.

Nur Anne Franks Vater Otto überlebte das „Dritte Reich“. Dem Willen seiner Tochter entsprechend veröffentlichte er 1947 eine stark gekürzte Fassung ihrer Tagebücher in einer ersten Edition. Die ausufernden Streitereien zwischen der in ihrer Freiheit stark eingeschränkten, pubertierenden Anne und ihrer Mutter hat Otto Frank erheblich bearbeitet. Das Buch wurde in über 70 Sprachen übersetzt und 2009 von der Unesco in das Weltdokumentenerbe aufgenommen.

Die Gesamtausgabe, die jetzt vom Anne Frank Fonds in Basel herausgegeben und von der Schriftstellerin und Anne-Frank-Biografin Miriam Pressler („Grüße und Küsse an alle: Die Geschichte der Familie von Anne Frank“) aus dem Niederländischen übersetzt wurde, ist eine großartige, aber auch eigentümliche Sache. Großartig, weil allein die Möglichkeit, mehrere Tagebuch-Versionen im Vergleich zu lesen, vieles über das Zusammenleben im Hinterhaus der Prinsengracht 263 erhellt. Eigentümlich, da es sich bei den Geschichten, Briefen und Dokumenten, die Anne Frank neben ihren Tagebuchaufzeichnungen hinterließ, eben nicht um die gesammelten Werke einer viele Jahre tätigen Autorin handelt. Sondern um die – nun sehr sorgfältig bearbeiteten und mit vielen Erläuterungen, Anhängen, Bildern und einer umfangreichen Bibliographie versehenen – literarischen ersten Schritte eines jungen Mädchens, das erst noch Schriftstellerin werden wollte. Und das, wie sich in jedem Schriftstück dieser Studienausgabe zeigt, dafür auch enorm viel Talent besaß.

Ihre „Federkinder“ sind zweifellos schon sehr gut geschrieben. Es finden sich Erinnerungen an ihre Schulzeit am Jüdischen Lyzeum darunter, zugespitzter als im Tagebuch formulierte Anekdoten aus dem Versteck und Märchen über Schutzengel, Feen, Elfen und Zwerge. Daneben ein Romanfragment namens „Cady“ über ein niederländisches Mädchen namens Caroline Dorothea van Aldenhoven, deren Gedanken vermutlich oft jenen von Anne ähnelten.

„Aber, und das ist die große Frage, werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr!“ Diese „Fingerübungen“ belegen, dass Annes Wunsch mit Sicherheit wahr geworden wäre. Die Briefe an ihre Omi und die Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen in Basel erzählen viel über den Alltag Annes – aus der Zeit vor dem Untertauchen. Was die diesem lebenslustigen, munteren, geselligen Mädchen (und ihrer Familie) bald bevorstehenden Entbehrungen nur noch deutlicher hervortreten lässt. Sogar die Poesiealben-Einträge, mit denen sich Anne Frank bei ihren Schulfreundinnen mit Bildchen und Blümchen verewigte, hat man für die Gesamtausgabe aufgetrieben.

Dazu gibt es in diesem umfangreichen Band zwei zusätzliche Versionen des weltberühmt gewordenen Tagebuchs. Die eine, die Anne Frank nur für sich selbst geschrieben hat. Sowie eine zweite, die für eine spätere Veröffentlichung gedacht war und in der sie verschiedene Bereiche und Themen der Notgemeinschaft im Hinterhaus bewusst aussparte. Damit begann Anne, nachdem sie im Radio einen Minister der niederländischen Exilregierung in London sprechen hörte. Der rief dazu auf, dass alles gesammelt werden müsse, was später einmal belegen könnte, wie sehr die Holländer unter den Deutschen gelitten hätten.

Alle Tagebuch-Fassungen geben, auch durch die Ergänzungen oder Streichungen, sehr differenziert Auskunft über den eingeschränkten aber anscheinend nie eintönigen Alltag dieses intelligenten, sensiblen Teenagers. In ihrem letzten Tagebucheintrag vom 1. August 1944 schreibt das für ihr Alter so kluge Mädchen über ihre Versuche, „so zu werden, wie ich gern sein würde und wie ich sein könnte, wenn keine anderen Menschen auf der Welt leben würden“. Leider lebten noch andere Menschen auf der Welt, die sie nicht so sein ließen, wie sie werden wollte. Am 4. August wurde das Versteck im Hinterhaus verraten. Anne stirbt im Frühjahr 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus.

Von Ulrike Frick

Anne Frank: Gesamtausgabe. Aus dem Niederländischen von Miriam Pressler, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 807 Seiten; 28 Euro.

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