Ulrike Hessler. Foto: dpa

„Ich bin sehr zu Hause in dieser Stadt“

München - An der Bayerischen Staatsoper wurde sie fürs Musiktheater gewissermaßen sozialisiert: Ulrike Hessler, früher Direktoriumsmitglied am Max-Joseph-Platz, ist mittlerweile Intendantin der Dresdner Semperoper. Eine erste Bilanz.

-Dank der Werbung von Radeberger denken viele, die Semperoper sei das Haus zur Brauerei. Sie haben einmal gemeint, am liebsten würden Sie in den Foyers Tegernseer Bier ausschenken lassen. Wie weit sind Sie damit gekommen?

Ich kann mich noch nicht ganz an das sächsische Bier gewöhnen und trinke tschechisches. Die Situation mit der Firma Radeberger haben wir aufs Allerliebste lösen können, indem sie nun unser Junges Ensemble unterstützt. Das Gesicht der Semperoper ist also nicht mehr, wie bisher, gratis zu haben. Daher war es gar nicht nötig, außer vielleicht für meinen persönlichen Bedarf, mein geliebtes Tegernseer Bier zu importieren. (Lacht.)

-Fühlen Sie sich noch als „die Neue“ in Dresden?

Im Haus selbst nicht mehr. Im zweiten Jahr fühlt sich das schon ganz anders an als im ersten. Zwar sagt in der Stadt manchmal schon jemand zu mir, ich könne das alles gar nicht beurteilen, weil ich nicht von hier sei. Aber Sir Peter Jonas hat sich so etwas in München 15 Jahre lang anhören müssen. Ich bin sehr angekommen und sehr zu Hause in dieser Stadt.

-Was hat Sie überrascht? Mit was haben Sie nicht gerechnet?

Es gab eigentlich nur positive Überraschungen. Zum Beispiel mit Monteverdis „Poppea“, die wir erstmals an der Semperoper herausgebracht haben. Jeder sagte: „Das geht überhaupt nicht, noch dazu wenn einmal nicht die Staatskapelle im Graben sitzt.“ Aber die Leute sind begeistert. Das eigentliche Dresdner Publikum aus der Region lässt sich gern auf gutes Theater, auch auf Neues ein. Anders sieht es mit Vorstellungen aus, in der viele Besucher sitzen, die mit Reiseunternehmen gekommen und die manchmal nicht so kulturaffin sind. Da gibt es Zuschriften à la: Die Kostüme passen nicht zur Architektur - oder zu den Preisen.

-Dresden ist eine Barockstadt. Auch eine Barockopernstadt?

Zu Johan Adolph Hasses Zeiten ja, jetzt nicht. Auch nicht für die Staatskapelle. Wir haben darüber aber intensiv gesprochen. Christian Thielemann zum Beispiel wird heuer erstmals Bachs Weihnachtsoratorium dirigieren. Es ändert sich also einiges.

-Was kann man den Besuchern nicht zumuten?

Wir hatten früher rund sechzig Prozent auswärtige Besucher, jetzt sind wir bei fünfzig. Wir haben gezielt versucht, die Dresdner stärker ins Haus zu holen. Man muss sich ganz genau überlegen, was man wann spielt - auch mit Blick auf die Touristen. Und weil es hier nicht so viele Abonnenten wie etwa in München gibt. Aber wenn ich mir meine ersten beiden Spielzeiten mit den Produktionen abseits des Gängigen anschaue, dann sage ich mir: Es geht ja.

- Keine Ihrer Premieren dieser Saison bietet Hochkulinarik aus dem deutsch-romantischen Repertoire. Ist das die Ruhe vor dem Thielemann-Sturm?

Natürlich hat das auch damit zu tun. 2013 ist das Wagner-Jahr, 2014 das Strauss-Jahr, da kommt viel genug. Ich habe auch aus anderen Gründen gebremst: Es hat keinen Sinn, den „Rosenkavalier“ ständig durchs Repertoire zu jagen. Ich weiß gar nicht, ob das den Werken so gut bekommt. Lieber machen wir wie nächstes Jahr eine saubere Wiederaufnahme, für die auch genügend geprobt wird.

-Muss man sich als Intendantin dagegen wehren, dass dieses Unternehmen zur Staatskapelle Dresden mit angeschlossenem Opernhaus wird?

Nein. Selbstverständlich stimmt man das Repertoire auf die Staatskapelle ab. Die Planungsgespräche mit Christian Thielemann laufen wirklich sehr harmonisch. Die Staatskapelle ist einfach die Seele des Hauses. Und man wäre ja schlecht beraten, wenn man etwas gegen die wertvollste künstlerische Kraft unternehmen würde.

-Durch Ihre Zusammenarbeit mit Salzburg haben die Osterfestspiele bei diesen Neuproduktionen das Recht der ersten Nacht. Schwächt das die Marke Semperoper?

Im Gegenteil. Das hilft uns sogar. Viele Leute kommen nicht nach Dresden, weil etwa die Verkehrsanbindung mit Bahn und Flugzeug so dürftig ist. Salzburg ist für uns eine gute zweite Bühne, wo wir uns vor internationalem Publikum präsentieren können. Das fehlt noch hier: Besucher zum Beispiel aus Italien oder Japan. Mehr Interessenten, die nicht nur die Architektur der Semperoper sehen wollen.

-Wollen Sie sich wie jeder andere Opernchef einen neuen „Ring“ ans Revers heften?

Nein, wir machen im Wagner-Jahr 2013 den Dresdner Wagner. Wir beleuchten die Zeit, in der er hier gewirkt hat. Wir bringen also Halévy und Spontini, Komponisten, die er dirigiert hat. Außerdem: Wer soll denn die ganzen „Ringe“ weltweit überhaupt singen? Wir nehmen die Inszenierung von Willy Decker nach dem Wagner-Jahr 2013 mit Christian Thielemann wieder ins Repertoire. So muss man sich nicht um die Siegfriede und Brünnhilden balgen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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