„Ich war selber ganz schön wütend“

München - Anlässlich des Münchner Literaturfests spricht Karen Duve über die Zeitlosigkeit der Grimm’schen Märchen, Deutungen und Düsteres.

War Schneewittchen eine Lügnerin und Rotkäppchens Großmutter ein Werwolf? In „Grrrimm“ (Galiani Verlag, Berlin, 180 Seiten; 18,99 Euro), ihrer bissigen Hommage an die Gebrüder Grimm, zeichnet Karen Duve – 200 Jahre nach dem Ersterscheinen der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm – dieses Bild. Finster, leidenschaftlich und aus verschiedenen Perspektiven erzählt sie die beliebten Märchen neu. Im Rahmen des Münchner Literaturfestes steht Duve heute Abend mit Florian Weber, Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller und Schriftsteller-Kollege („Grimms Erben“), beim forum:autoren im Rampenlicht. „Und weil sie nicht gestorben sind“ lautet das Motto der Doppel-Lesung. Wir sprachen mit der Bestsellerautorin.

Was war als Kind Ihr Lieblingsmärchen?

Da gab es zwei: den „Froschkönig“ – auch, weil es darin um Erlösung geht – und „Die wilden Schwäne“.

Wie erklären Sie sich den Boom, den es derzeit bei Märchenthemen gibt?

Einerseits ist heuer ja das Gebrüder-Grimm-Jahr. Und es gibt eine Parallele zu der Zeit, in der die Brüder Grimm die Märchen zusammentrugen. Durch die beginnende Industrialisierung änderten sich die Lebensverhältnisse mit bis dahin unbekannter Geschwindigkeit. Viele Menschen fühlten sich davon überfordert oder abgestoßen und wandten sich auf der Suche nach Identität und Beständigkeit den Märchen zu. In denen geht es um existenzielle Themen, die nie veralten. Nicht einmal im noch stärker beschleunigten Internet-Zeitalter. Und es ist der Ton unserer Kindheit – Märchen sind unser gemeinsamer kultureller Nenner, in einer Zeit, in der es immer weniger Gemeinsamkeiten gibt. Man kann sie unter stets neuen Aspekten betrachten.

Zum Beispiel?

In den 70er- und 80er-Jahren hat man Märchen gern psychoanalytisch gedeutet – besonders gern hat man sexuelle Bedeutungen herausgelesen.

Ihr Buch beleuchtet die verschiedenen Märchen von einer düsteren Seite. Ist „Grrrimm“ der Beweis dafür, dass Märchen etwas für Erwachsene sind?

Märchen waren ursprünglich mal etwas für jedes Alter. Erst später kam beispielsweise durch Walt Disney diese Überzuckerung, in der die Zwerge mit pastellfarbenen Tieren im Kreis tanzen. Dabei sind die Märchen der Brüder Grimm eigentlich ziemlich finster. Ich habe mich auf die erwachsenen und mitunter ganz schön brutalen Momente konzentriert und dann die Schraube noch mal ein wenig angezogen. Man sieht ja auch an Filmen wie „Snowwhite and the Huntsman“, dass Märchen sehr düster und für Erwachsene interpretiert werden können. Allerdings scheint es heute zwingend vorgeschrieben zu sein, dass der Held in einem Fantasyfilm immer gleich der beziehungsweise die Auserwählte sein muss. Da fragt man sich doch: Geht’s nicht auch ne Nummer kleiner?

Wie viel Karen Duve steckt in Ihren Märchenfiguren?

Wie in jedem Buch sehr viel. Ich war gerade selber ganz schön wütend, während ich die Märchen für das Buch geschrieben habe. Und das merkt man den Figuren jetzt natürlich an. Am meisten habe  ich  beispielsweise mit dem wütenden Zwerg von „Schneewittchen“ sympathisiert.

Sie lesen gemeinsam mit Florian Weber beim Literaturfest München. Haben Sie denn schon einmal mit ihm zusammengearbeitet?

Zusammengearbeitet haben wir nicht. Schriftsteller arbeiten ja überhaupt eher isoliert. Aber ich habe sein Buch „Grimms Erben“ gelesen.

Was erwartet das Publikum?

Die Märchen der Brüder Grimm von allen Seiten – Grimm heute, Grimm zeitlos.

Das Gespräch führte Andrea Steiler.

Lesung

am Dienstag, 20.30 Uhr, Freiheizhalle; Tel. 089/ 54 81 81 81.

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